{"id":34,"date":"2019-04-26T08:48:19","date_gmt":"2019-04-26T08:48:19","guid":{"rendered":"http:\/\/loderit.de\/?page_id=34"},"modified":"2019-04-26T09:12:47","modified_gmt":"2019-04-26T09:12:47","slug":"aktuelles","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/?page_id=34","title":{"rendered":"Aktuelles"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beitrag aus dem Buch von Nikolaus Jackob <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>&#8222;Die Mediengesellschaft und ihre Opfer&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Berlin 2018 Verlag Peter Lang)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zw\u00f6lftes Kapitel\u2009: Exkurs: \u201eDas Interview als Verh\u00f6r\u201c \u2013 oder die Frage, wie man mit Interviewfragen das Trennungsgebot aushebeln kann Gastbeitrag von Bernd-Peter Arnold<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNever forget who the star of the interview is\u201c.988 Der amerikanische Journalismusdozent John Brady benennt mit dieser Empfehlung ein zentrales Problem des Interviews als journalistischer Darstellungsform \u2013 auch und vor allem in Deutschland. Das Interview als wichtigste Dialogform ist n\u00e4mlich ungeeignet f\u00fcr journalistische Selbstdarstellung. Es geht ausschlie\u00dflich um die Gewinnung von Informationen aus einer authentischen Quelle. Dabei kann es um Sachinformationen zu einem Thema gehen, um die Meinung des Interviewten oder um Informationen zur Person des Gespr\u00e4chspartners. Der Interviewer ist Vermittler, der durch Fragen Informationen gewinnt, der diese aber weder selbst gibt noch bewertet. Im Folgenden geht es um Interviews in Radio oder Fernsehen, also um \u201egesprochene\u201c Interviews, das hei\u00dft um die direkte Abbildung eines Dialogs. Interviews in gedruckten oder Online-Medien sind demgegen\u00fcber Konstrukte. Dies bedeutet, dass aus einem Gespr\u00e4ch ein Frage-Antwort-Spiel konstruiert wird. Deshalb ist es auch \u00fcblich, dass in diesen F\u00e4llen dem Interviewpartner das Interview zum Gegenlesen und zur Autorisierung vorgelegt wird. Zur\u00fcck zum Interview in Radio und Fernsehen. Es dient \u2013 wie gesagt \u2013 der Gewinnung authentischer Informationen. Dies ist im Zeitalter des Internets von noch gr\u00f6\u00dferer Bedeutung als zuvor. Insbesondere die Gefahr durch die sozialen Medien mit ihrer F\u00fclle an nicht \u00fcberpr\u00fcfbaren Informationen, die zum Teil aus dubiosen Quellen stammen und den Adressaten mit durch Algorithmen gesteuerten Informationen manipulieren, macht das Interview als origin\u00e4re Informationsform immer wichtiger. Die sozialen Medien gaukeln den Menschen vor, stets umfassend und aktuell informiert zu werden. Dabei \u00fcbersehen viele, dass sie weniger Sachinformationen als vielmehr pers\u00f6nliche Eindr\u00fccke, Erlebnisse und vor allem Bewertungen von Informationen erhalten, die die klassischen Medien generiert und auf die Agenda gesetzt haben. Die professionellen journalistischen Medien liefern also letztlich die Basis f\u00fcr die sozialen Medien. Dies geschieht nicht zuletzt durch Interviews \u2013 vorausgesetzt, diese werden zur Informationsgewinnung benutzt und nicht zur Anklage von Gespr\u00e4chspartnern oder zur Selbstdarstellung der Interviewer. Umso bedauerlicher ist, dass viele journalistische Interviews oftmals elementare Grunds\u00e4tze des Handwerks vermissen lassen, stattdessen aber zu Formen der Manipulation, der Meinungsmache und der journalistischen Selbstdarstellung verkommen. Diese sind vom urspr\u00fcnglichen Ziel dieser journalistischen Darstellungsform weit entfernt. Der amerikanische Medienforscher Neil Postman, stets konstruktiver Kritiker der Medien und des Journalismus, empfiehlt recherchierenden und interviewenden Journalisten: \u201eErkenntnis bedeutet nicht, dass man die richtigen Antworten hat. Erkenntnis hei\u00dft nur, dass man die richtigen Fragen stellt.\u201c989 Es ist erstaunlich, dass viele Interviewer ihre Rolle nicht als Fragesteller verstehen, sondern als Kommentatoren und oft sogar als Ankl\u00e4ger. Intelligente und kritische Fragen stellen und zuh\u00f6ren generiert Informationen. Ein falsches Rollenverst\u00e4ndnis blockiert diese jedoch. Es wird nachfolgend von den Handwerksregeln f\u00fcr Interviewer die Rede sein. Diese zu beherrschen, ist in Zeiten hochprofessioneller Public-RelationsAktivit\u00e4ten, in denen Politiker und Manager systematisch auf Interviewsituationen vorbereitet werden, wichtiger als je zuvor. Wegen fehlender Professionalit\u00e4t oder aus falschem Verst\u00e4ndnis der Funktion eines journalistischen Interviews schwanken Interviewer oft zwischen den Extremen \u201eMikrofonhalter\u201c und \u201eStichwortgeber\u201c einerseits und \u201eGegnerschaft\u201c sowie \u201eKommentator\u201c andererseits. Medien sind aber weder Werbeplattform noch Ersatzparlament oder gar Ersatzgericht. Doch zun\u00e4chst einige Beispiele, die zeigen, dass selbst \u201eprominente\u201c Journalisten Probleme mit den Grundz\u00fcgen des Handwerks haben \u2013 vermutlich aus einem falschen Verst\u00e4ndnis ihrer Rolle als Interviewer. Beispiel 1: Am 26. M\u00e4rz 2014 wurde der Vorstandsvorsitzende des Siemens- Konzerns, Jo Kaeser, im ZDF-Heute-Journal interviewt (Interviewer: Claus Kleber).990 Kaeser war w\u00e4hrend der Krimkrise zu Wirtschaftsgespr\u00e4chen nach Moskau gereist. Gefragt wurde er jedoch nicht nach dem Inhalt der Gespr\u00e4che, sondern es ging dem Interviewer sehr stark darum, seine eigene politische Position darzustellen. Der fr\u00fchere Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, schrieb dazu am 28. M\u00e4rz 2014 in dieser Zeitung: \u201eAls am Mittwochabend der deutsche Fernsehmoderator Claus Kleber \u00fcber den Siemens-Vorstandsvorsitzenden Jo Kaeser wie ein Strafgericht hereinbrach, erlebte der Zuschauer eine Sternstunde der Selbstinszenierung des Journalismus. Unerbittlich nahm Kleber den Mann in die Zange: Kaeser war, lange geplant, nach Moskau gefahren (\u201eWas haben Sie sich bei Ihrem Freundschaftsbesuch gedacht?\u201c), er hat nicht nur Putin besucht (\u201eWie lange mussten Sie warten?\u201c), sondern auch den mit Einreiseverbot belegten Eisenbahnchef (\u201eUnd Sie haben mit dem geredet!\u201c) \u2013 und das alles, so Kleber, \u201eals Repr\u00e4sentant eines Unternehmens, das auch f\u00fcr Deutschland steht.\u201c [\u2026] Diese Inquisition, die auch in ihrem nur dem Remmidemmi verpflichteten Desinteresse daran, was Kaeser von Putin denn geh\u00f6rt haben k\u00f6nnte, alles in den Schatten stellt, was man an Vaterlandsverratsrhetorik aus dem wirklichen kalten Krieg kannte, ist \u00fcberhaupt nur als Symptom journalistischen \u00dcbermenschentums diskutierbar und wird dadurch allerdings auch \u00fcber den peinlichen Anlass hinaus interessant. Beharren auf einer normativen Deutung dessen, was die westlichen Sanktionen angeblich bedeuten, verwandelt Journalismus in Politik und das Fernsehstudio in einen Ort, wo der Interviewer pl\u00f6tzlich au\u00dfenpolitische Bulletins abgibt: Claus Kleber zeigt der deutschen Wirtschaft die rote Linie auf. [\u2026] Die Deutschen sollten nicht erfahren, was Jo Kaeser in Moskau tat, sondern, wie Claus Kleber dar\u00fcber denkt \u2013 ein Ereignis immerhin, von dem selbst die Bundesregierung noch lernen k\u00f6nnte, die am selben Tag mitteilte, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland weitergehen m\u00fcsse.\u201c991Beispiel 2: Am 28. November 2013 wurde \u2013 ebenfalls im ZDF-Heute-Journal \u2013 der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel interviewt.992 Gegenstand des von der Journalistin Marietta Slomka gef\u00fchrten Interviews war die Entscheidung der SPDSpitze, ihre Mitglieder \u00fcber die Bildung einer gro\u00dfen Koalition abstimmen zu lassen, zum ersten Mal in der Geschichte der Partei. Das Interview wurde zum Verh\u00f6r. In bohrendem Ton wurde immer wieder dieselbe Frage gestellt: \u201eVertr\u00e4gt sich ein solches Votum mit unserer parlamentarischen, repr\u00e4sentativen Demokratie?\u201c Gabriel gab eine Antwort mit Begr\u00fcndung. Die Journalistin wiederholte mehrmals die Frage, um von Gabriel die Best\u00e4tigung ihrer offenbar abweichenden Meinung zu erhalten, die dieser \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 nicht gab. Selbstverst\u00e4ndlich kann man zu dem Thema eine abweichende Meinung haben. Diese geh\u00f6rt dann in einen journalistischen Kommentar, nicht aber in ein Interview. Der Informationsgewinn war \u00fcbrigens im vorliegenden Fall extrem gering, weil durch die Selbstdarstellungsversuche der Journalistin sehr viel Sendezeit vergeudet wurde. Beispiel 3: Am 12. Juli 2017 wurde \u2013 wiederum im ZDF-Heute-Journal \u2013 die Schauspielerin Maria Furtw\u00e4ngler interviewt.993 Es ging um eine Studie, die belegt, dass Frauen in den Medien unterrepr\u00e4sentiert sind. Die Antworten der Schauspielerin entsprachen offensichtlich nicht den Vorstellungen des Journalisten Claus Kleber. Daraufhin kam es zu Unterstellungen, wie zum Beispiel, Maria Furtw\u00e4ngler wolle \u201edas Publikum umerziehen\u201c. Bemerkenswerter noch als der Verlauf des Interviews selbst sind die Reaktionen des Journalisten auf die \u00f6ffentliche Kritik an seiner Interviewf\u00fchrung. Diese Reaktionen zeugen von einem fragw\u00fcrdigen Verst\u00e4ndnis der Rolle eines Interviewers. Einige \u00c4u\u00dferungen im Wortlaut: Maria Furtw\u00e4ngler \u201ewar mir [\u2026] in der Sache weit \u00fcberlegen.\u201c \u201eSie hat [\u2026] die Runde gewonnen.\u201c \u201eSie hat dieses Spiel [\u2026] hervorragend bestanden.\u201c \u201eUnd so wie ich das verstehe, ist die Aufgabe immer, und das ist manchmal nicht sch\u00f6n, die Gegenhaltung einzunehmen, um das Gespr\u00e4ch reizvoll zu machen und die Gespr\u00e4chspartnerin auch herauszufordern.\u201c994 Von einem problematischen Verst\u00e4ndnis der Rolle eines Interviewers zeugen auch h\u00e4ufig Interviews, in denen Journalisten, wenn etwa ein Politiker nicht die gew\u00fcnschten Antworten gibt, dieser mit den Aussagen anderer Politiker konfrontiert wird, quasi, um ihn zu \u201e\u00fcberf\u00fchren\u201c. Dass diese oft aggressiv vorgetragenen Anklageversuche dem Interviewten und nicht dem Interviewer \u201ePunkte\u201c bringen, wird dabei untersch\u00e4tzt. Zahlreiche Interviews mit Vertretern der AfD zeigen immer wieder, wie Journalisten mit dem Versuch, diese Partei um jeden Preis schlecht aussehen zu lassen, eher das Gegenteil bewirken. Beifall von Kollegen und politischen Freunden ersetzt aber nicht mangelnde Professionalit\u00e4t. \u201eAls Interviewer nehme ich die Gegenposition ein\u201c \u2013 so versuchen viele Journalisten ihr aggressives Verhalten zu rechtfertigen. Nein, man ist ein Dienstleister f\u00fcr H\u00f6rer und Zuschauer, f\u00fcr ein Publikum, das sich aus Personen mit unterschiedlichen Positionen und Meinungen zum jeweiligen Thema zusammensetzt. Dies bedeutet, dass man stellvertretend f\u00fcr dieses Publikum Fragen stellt. Ein Interview-Profi bezieht nicht die Gegenposition, sondern er konfrontiert den Interviewpartner mit anderen Positionen zum Thema \u2013 in Frageform. Journalisten f\u00fchren in einer Radio- oder Fernsehsendung oft mehrere Interviews. Wird stets die gleiche Position vertreten, entsteht der Eindruck der Parteilichkeit. Zumindest beim \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk ist dies ein Versto\u00df gegen wichtige Grunds\u00e4tze. Wechselt man aber die Position von Interview zu Interview, werden die Adressaten irritiert. F\u00fcr Interviewer sollte ein Grundsatz gelten, den der langj\u00e4hrige Moderator der ARD-Tagesthemen, Hanns Joachim Friedrichs, immer wieder vertreten hat, in Diskussionen, Seminaren und Sendungen: \u201eEin Journalist sollte sich niemals mit einer Sache gemein machen \u2013 auch nicht mit einer guten.\u201c \u201eIch war [\u2026] nicht auf Augenh\u00f6he mit Frau Furtw\u00e4ngler\u201c \u2013 das oben beschriebene Interview dokumentiert eine problematische Grundeinstellung. Selbstverst\u00e4ndlich bereitet sich ein Interviewer auf ein Gespr\u00e4ch vor. Aber bringt ihn dies auf Augenh\u00f6he mit dem Interviewpartner? F\u00fcnf Interviews in einer Sendung \u2013 f\u00fcnfmal auf Augenh\u00f6he mit Fachleuten? Dies w\u00e4re wohl eine bemerkenswerte Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und kann nur schiefgehen. Die Folgen sind aggressive Unterstellungen und unzul\u00e4ssige Kommentare. Der amerikanische Journalismusdozent Lawrence Grobel schreibt in diesem Zusammenhang: \u201eMan erwartet von Ihnen als Journalist doch nicht, dass Sie von dem Thema ebenso viel wissen wie der Interviewpartner. Wenn das so w\u00e4re, brauchten Sie doch kein Interview zu f\u00fchren.\u201c995 Es geht um die Gewinnung authentischer Informationen und nicht um Selbstdarstellung von Journalisten. Auch hier sei noch einmal an die Formulierung von Neil Postman erinnert: \u201eErkenntnis bedeutet nicht, dass man die richtigen Antworten hat. Erkenntnis hei\u00dft nur, dass man die richtigen Fragen stellt.\u201c996 Interviewen ist ein wesentlicher Teil des journalistischen Handwerks. Umso erstaunlicher ist, wie oft selbst einfache Handwerksregeln nicht beherrscht werden. Elementar ist die Unterscheidung der verschiedenen Fragearten. Einige wenige Beispiele:997 Der Gebrauch von \u201eoffener\u201c und \u201egeschlossener\u201c Frage ist von ausschlaggebender Bedeutung f\u00fcr die Struktur und das Zeitmanagement eines Interviews. Die offene Frage an einen Politiker \u201eWie beurteilen Sie die Politik des neuen amerikanischen Pr\u00e4sidenten?\u201c kann zu Beginn eines Interviews gestellt werden, da man mit einer l\u00e4ngeren Antwort rechnen muss. Am Schluss eines Interviews gestellt, bringt die offene Frage unter Umst\u00e4nden das Zeitmanagement in Gefahr. Eine geschlossene Frage, wie zum Beispiel \u201eWerden Sie morgen nach Washington reisen?\u201c eignet sich demgegen\u00fcber besser f\u00fcr den Schluss eines Interviews, weil man im Zweifel mit einer \u201eJa\u201c- oder \u201eNein\u201c-Antwort rechnen kann. Verst\u00f6\u00dfe gegen diese einfache Regel sind leider journalistischer Alltag. Noch problematischer ist die B\u00fcndelung von Fragen. Es scheint eine deutsche Unsitte zu sein, mehrere Fragen zusammen zu stellen. Dieses Verfahren macht es dem Interviewten sehr leicht. Man sucht sich die angenehmste Frage aus und beantwortet diese ausf\u00fchrlich. Die Adressaten und oft auch der Interviewer vergessen die \u00fcbrigen Fragen, und dem Gespr\u00e4chspartner bleiben m\u00f6glicherweise unangenehme Antworten erspart. Interviewer in England, den USA und Kanada b\u00fcndeln normalerweise keine Fragen. Sie fragen knapp, oft in einem Satz, sodass jeder wei\u00df, was gefragt wurde und man bemerkt, wenn nicht oder ausweichend geantwortet wird. So werden kritische Interviews gef\u00fchrt, uneitel, souver\u00e4n, auf das einzig wichtige Ziel gerichtet: Informationen f\u00fcr H\u00f6rer und Zuschauer zu gewinnen. Tabu ist ein Fragetyp, der gleichwohl in Interviews auftaucht: die Suggestivfrage, eine Frage also, die mit Unterstellungen arbeitet. Sie bringt den Interviewpartner \u2013 wenn er nicht berechtigterweise die Antwort verweigert \u2013 in die Position eines Angeklagten, der sich verteidigen muss. Die (fiktive) Frage: \u201ePr\u00fcgeln Sie Ihre Frau immer noch?\u201c darf nicht gestellt und muss nat\u00fcrlich nicht beantwortet werden. Sie unterstellt, dass der Gefragte seine Frau mindestens einmal gepr\u00fcgelt hat. Die (ebenfalls fiktive) Frage: \u201ePr\u00fcgeln Sie gelegentlich Ihre Frau?\u201c ist (im entsprechenden Zusammenhang) erlaubt, da sie nichts unterstellt. Nahezu t\u00e4glich kann man in Interviews Suggestivfragen h\u00f6ren. Sie bringen in der Regel keine wichtigen Informationen. In jedem Fall verderben sie aber die Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re. Eine gute Atmosph\u00e4re bietet aber gr\u00f6\u00dfere Chancen, Informationen zu gewinnen. Distanz halten zum Gespr\u00e4chspartner ist eine weitere Grundregel. Der Interviewer ist weder Kumpel noch Gegner. Zur professionellen Interviewf\u00fchrung geh\u00f6rt auch das Zuh\u00f6ren. \u201eSilence is golden as an interviewing technique\u201c998 (\u201eSchweigen ist Gold als Interviewtechnik\u201c) empfiehlt John Brady in seinem Lehrbuch. Zuh\u00f6ren, eine Antwort auch einmal stehen lassen. Dem Interviewpartner Gelegenheit geben, nachzudenken und sich eine Antwort zu \u00fcberlegen \u2013 dies alles f\u00e4llt Journalisten oft schwer, geht aber naturgem\u00e4\u00df auf Kosten der Information. Neil Postman beschreibt dieses Ph\u00e4nomen so: \u201eEs liegt schon beinahe au\u00dferhalb der Grenzen des Erlaubten, in einer Fernsehsendung zu sagen: \u201eLassen Sie mich dar\u00fcber nachdenken\u201c, \u201eIch wei\u00df nicht\u201c, \u201eWas meinen Sie, wenn Sie sagen \u2026?\u201c oder \u201eAus welcher Quelle stammt Ihre Information?\u201c. Diese Art von Diskurs verlangsamt nicht nur das Tempo der Show, sie erzeugt auch einen Eindruck von Unsicherheit oder \u2018fehlendem Pfiff\u02bc. [\u2026] Denken kommt auf dem Bildschirm nicht gut an [\u2026]. Es gibt dabei nicht viel zu sehen. Mit einem Wort, Denken ist keine darstellende Kunst.\u201c999 Neben der Regel, dass Zuh\u00f6ren mehr Informationen bringt als journalistische Selbstdarstellung, gibt es nat\u00fcrlich auch Techniken f\u00fcr das Unterbrechen eines Interviewpartners \u2013 auch dabei zeigen sich bei nicht wenigen Journalisten Defizite. Unh\u00f6flich ins Wort fallen kommt beim Publikum nicht gut an. Die oft zu beobachtende Situation, dass Interviewer und Gespr\u00e4chspartner gleichzeitig reden, f\u00fchrt dazu, dass keiner von beiden verstanden wird \u2013 ein technisches Ph\u00e4nomen, das zumindest Interviewer kennen sollten. Im Unterschied zum menschlichen Ohr kann n\u00e4mlich ein Mikrofon nicht selektiv wahrnehmen. Die bew\u00e4hrte Regel, dass ein Interviewer den Gespr\u00e4chspartner am geschicktesten unterbricht, indem er den gerade begonnenen Satz des Gegen\u00fcbers aufnimmt und diesen seinerseits fortf\u00fchrt und so wieder das Wort gewinnt, geh\u00f6rt erstaunlicherweise bei vielen Journalisten nicht zum Instrumentarium. Es wurde bereits dargestellt, dass Radio- und Fernsehjournalisten in England, in den USA und in Kanada sehr kritische Interviews f\u00fchren, die in der Regel einen betr\u00e4chtlichen Informationsgewinn f\u00fcr den Zuh\u00f6rer bringen. Die Interviewer halten sich aber gleichwohl an die Grundregeln von Neutralit\u00e4t, Distanz und Verzicht auf die Pr\u00e4sentation der eigenen Meinung. Unterstellungen und Werturteile, insbesondere das Nachkommentieren von Antworten sind tabu. Dies liegt zum einen am Journalismusverst\u00e4ndnis in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern. Man versteht sich in erster Linie als Vermittler von Informationen \u2013 auch von unangenehmen Informationen auf der Basis gr\u00fcndlicher Recherche. Hintergrund und Einordnung gelten dort im Unterschied zu Deutschland mehr als der Kommentar oder der in Mode gekommene Begriff \u201eEinsch\u00e4tzung\u201c zum Kaschieren von Meinung. Mit letzterem wird oft das Trennungsgebot zwischen Nachricht und Meinung umgangen. Im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk ist dies bei kritischer Betrachtung sogar ein Versto\u00df gegen Rechtsnormen. Es kommt aber beim Vergleich der Situation in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern und in Deutschland noch ein wichtiger Aspekt hinzu. Es sind die unterschiedlichen bzw. nicht vorhandenen festgeschriebenen Regeln. Im Gegensatz zu den deutschen Rundfunkanstalten existieren in den Rundfunkorganisationen in England und Nordamerika nicht nur allgemein formulierte Programmgrunds\u00e4tze, sondern sehr konkrete Handlungsanweisungen f\u00fcr Journalisten. Diese werden nicht etwa als unzul\u00e4ssige Einschr\u00e4nkung der Pressefreiheit oder als Beschr\u00e4nkung des pers\u00f6nlichen Entfaltungsspielraums verstanden. Ganz im Gegenteil, hier geht es um professionelle Standards. Diese dienen der Qualit\u00e4tssicherung, und sie sind wichtige Entscheidungshilfen f\u00fcr Journalisten in aktuellen Situationen. So werden sie auch von den Journalisten im t\u00e4glichen Aktualit\u00e4tsstress empfunden. Im Zusammenhang mit dem Thema \u201eInterview\u201c einige Beispiele aus den entsprechenden Regelwerken. Beim \u00f6ffentlich-rechtlichen kanadischen Rundfunk CBC (Canadian Broadcasting Corporation) sind in den \u201eJournalistic Standards and Practices\u201c1000 neben den Grunds\u00e4tzen f\u00fcr die Arbeit der Organisation insgesamt auch bis ins Detail gehende Anleitungen f\u00fcr die journalistische Arbeit formuliert. Unter dem Stichwort \u201eIntegrity\u201c hei\u00dft es zum Beispiel: \u201eRundfunkjournalisten nutzen nicht ihre Macht, um ihre eigene Meinung zu pr\u00e4sentieren.\u201c Zum Thema \u201eInterview\u201c hei\u00dft es, dass Interviewer nicht gegen\u00fcber dem einen Gespr\u00e4chspartner kritisch, und einem anderen gegen\u00fcber konziliant sein d\u00fcrfen. \u201eEs ist wichtig, dass wir uns wegen unserer Glaubw\u00fcrdigkeit jeglicher pers\u00f6nlicher Werturteile enthalten.\u201c Dieser Aspekt ist f\u00fcr das Gesamtthema von ausschlaggebender Bedeutung. Journalisten m\u00fcssten sich stets \u2013 wenn sie aus falschem Rollenverst\u00e4ndnis die Regeln des Handwerks vernachl\u00e4ssigen \u2013 dar\u00fcber im Klaren sein, dass ihr Verhalten vom Publikum auf die Medienorganisation insgesamt und nicht auf den einzelnen Journalisten bezogen wird. Noch detaillierter als beim kanadischen Rundfunk sind die Regeln bei der \u00f6ffentlich-rechtlichen BBC (British Broadcasting Corporation). Zwei kurze Abschnitte aus dem Kapitel \u201eInterviewing\u201c: \u201eBBC-Interviews sollen stilvoll und h\u00f6flich sein. Sie k\u00f6nnen fordernd, kritisch, skeptisch, informiert und auf den Punkt gebracht sein \u2013 aber nicht parteiisch, unh\u00f6flich und emotional einer Seite der Argumentation zugewandt. Den Interviewpartnern soll eine faire Chance gegeben werden, ihre komplette Antwort auf die Fragen darzulegen. [\u2026] Interviews d\u00fcrfen herausfordernd sein, aber nicht aggressiv, einsch\u00fcchternd oder barsch \u2013 selbst, wenn man sich provoziert f\u00fchlt. In einem gut gef\u00fchrten Interview betrachten die H\u00f6rer und Zuschauer den Interviewer als Jemanden, der in ihrem Auftrag arbeitet.\u201c1001 Auffallend bei diesen verbindlichen Regeln ist der hohe Stellenwert des Stils, mit dem Interviewer Gespr\u00e4chspartnern begegnen. Kritisch sein und kritisch fragen hei\u00dft eben nicht, sich unh\u00f6flich und aggressiv zu verhalten. Ein wirklich kritischer Journalist wird immer sachlich bleiben. Wie unkritisch viele jedoch sind, kann man leicht an den fehlenden Nachfragen erkennen. Steif von der Karteikarte oder vom Teleprompter abgelesene Fragen, eine nach der anderen, w\u00e4hrend der Antwort bereits den Blick auf die n\u00e4chste notierte Frage gerichtet, kein aufmerksames Zuh\u00f6ren \u2013 wie sollen so kritische Nachfragen zum Thema entstehen? Stattdessen oft aggressives Wiederholen ein und derselben Frage im Ton eines Inquisitors. Dabei wei\u00df der erfahrene Interviewer, dass eine Frage, die nach einmaligem Nachfragen nicht beantwortet wird, auch beim f\u00fcnften Anlauf unbeantwortet bleibt. Journalisten haben zwar das Recht, Fragen zu stellen. Interviewpartner haben aber ihrerseits das Recht, nicht zu antworten oder Antworten zu geben, die den Interviewer nicht zufriedenstellen, ihn nicht in seiner vorgefassten Meinung best\u00e4tigen oder ihm nicht gefallen. Bei der kritischen Beobachtung vieler Interviews im deutschen Radio und Fernsehen dr\u00e4ngen sich einige Fragen auf: Warum verstehen sich so viele Interviewer nicht als Dienstleister, sondern als Selbstdarsteller? Warum wird so h\u00e4ufig gegen grunds\u00e4tzliche Handwerksregeln versto\u00dfen? Warum werden so selten wirklich kritische Fragen gestellt und stattdessen Behauptungen und Unterstellungen gebracht \u2013 in der falschen Erwartung einer Best\u00e4tigung? Warum geht es wohl in der \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcber Interviews oft weniger um die Inhalte der Aussagen der Interviewten als vielmehr um das Verhalten der Interviewer? Was sagen eigentlich die Verantwortlichen in den Rundfunkanstalten zu der geschilderten Situation, durch die ja das Image des jeweiligen Hauses durchaus leiden kann? Die wichtige journalistische Darstellungsform Interview dient \u2013 wie gesagt \u2013 der Gewinnung authentischer Informationen. Sie dient nicht der Anklage oder der \u00dcberf\u00fchrung von \u201eT\u00e4tern\u201c. In diesem Sinne schlechte Interviews bringen Medienh\u00e4user, aber auch den Journalismus insgesamt, in Misskredit. Um die Verbesserung der Medienqualit\u00e4t und des Ansehens von Journalisten bem\u00fcht sich seit einigen Jahren eine Expertengruppe um den Nachrichtenchef des d\u00e4nischen Rundfunks Ulrik Haagerup. Unter dem Motto \u201eConstructive News\u201c erarbeitet die Gruppe Methoden zur Verbesserung der Qualit\u00e4t im Journalismus. Dabei geht es nicht ausschlie\u00dflich um Nachrichten im engeren Sinne, sondern um den Informationsjournalismus generell. Die Gruppe betont, dass sie nicht f\u00fcr einen Journalismus eintritt, der Negatives sch\u00f6nredet, Kritik ausl\u00e4sst und Interviews zu Public-Relations-Auftritten verkommen l\u00e4sst. Es geht lediglich um mehr Nachdenklichkeit und Selbstkritik bei denen, die oft aus reiner Gewohnheit willig dem journalistischen Mainstream folgen. Unter der \u00dcberschrift \u201eDer Weg vom traditionellen Journalismus zu Constructive News\u201c schreibt Ulrik Haagerup: \u201eNicht mehr, sondern besser. Nicht negativ, sondern kritisch. Nicht aufgebracht, sondern wissbegierig. Nicht anklagend, sondern ermutigend. Nicht schreierisch, sondern neugierig. Nicht populistisch, sondern popul\u00e4r. Nicht stumpfsinnig, sondern modern. Nicht anklagend, sondern offen. Nicht nur nach dem \u00fcblichen wo?, wer? und wann? fragend, sondern auch nach dem wie? und was nun?\u201c1002 So k\u00f6nnen zeitgem\u00e4\u00dfe journalistische Standards entstehen. Sie k\u00f6nnten auch eine Antwort auf die Gefahren der Manipulation der sozialen Medien sein. Auf jeden Fall k\u00f6nnen sie aber zur Verbesserung der Qualit\u00e4t von Interviews in Radio und Fernsehen beitragen. Bessere Interviews k\u00f6nnten ihre wichtige Rolle in einem zukunftsorientierten Journalismus wahrnehmen, n\u00e4mlich die Funktion der Einordnung von Fakten und der Erl\u00e4uterung von Hintergr\u00fcnden. Wiederholt wurde dargelegt, dass das Ziel eines Interviews die Gewinnung authentischer Informationen ist, Sachinformationen, Informationen \u00fcber die Meinung des Interviewpartners zu einem Thema oder Informationen zur Person selbst. Informationen gewinnt man, wie gesagt, durch professionelles Fragen. Es kommt aber noch ein von vielen Journalisten untersch\u00e4tzter Faktor hinzu: das Vertrauen des Interviewpartners. Man kann leicht im t\u00e4glichen Umgang mit Menschen feststellen, dass man von Personen, deren Vertrauen man genie\u00dft, mehr erf\u00e4hrt. Die erw\u00e4hnten Regeln aus den \u201eBBC Producers Guidelines\u201c fordern ja auch ein Verhalten, das Vertrauen erzeugt. Ein Gespr\u00e4chspartner, der aggressiv, unfreundlich, unh\u00f6flich, fordernd oder unterstellend angegangen wird, sagt weniger, als er wei\u00df, h\u00e4lt sich zur\u00fcck, schweigt gegebenenfalls. Man fragt sich, warum manche Radio- und Fernsehjournalisten auf solche doch einfachen und einleuchtenden Dinge nicht achten. Das Thema \u201eVertrauen bringt mehr Informationen\u201c ist auch Gegenstand von drei in der Anlage sehr unterschiedlichen amerikanischen Interview-Lehrb\u00fcchern f\u00fcr Journalisten, die l\u00e4ngst zu \u201eKlassikern\u201c geworden sind. Drei Zitate zur Verdeutlichung: Lawrence Grobel: \u201eWenn man nicht das Vertrauen des Interviewpartners gewinnt, bekommt man nur die \u00fcblichen Allgemeinpl\u00e4tze als Antworten. Und: m\u00f6glicherweise kein Interview mehr\u201c.1003 Joan Clayton: \u201eNach einem Interview ist es besser, dass einen der Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr eine nette Person h\u00e4lt als wenn er das Gef\u00fchl hat, durch eine Waschmaschine gedreht worden zu sein.\u201c1004 John Brady: \u201eInterviewen ist die Wissenschaft, erst Vertrauen zu gewinnen und dann Informationen.\u201c1005 Sicherlich bedarf \u2013 dies wurde aufgezeigt \u2013 das System der Interviews in Radio und Fernsehen in Deutschland der Verbesserung und der Korrekturen. Zwei Wege kommen daf\u00fcr in Frage: Zum einen fehlt es an verbindlichen Regeln. Deren Einf\u00fchrung etwa nach angels\u00e4chsischem Vorbild h\u00e4tte allerdings die hohe H\u00fcrde des hiesigen journalistischen Selbstverst\u00e4ndnisses zu \u00fcberwinden. Dieses ist aber st\u00e4rker von Kritik und Meinung gepr\u00e4gt als vom Streben nach Informationsvermittlung. In einem anderen Bereich w\u00e4ren Verbesserungen indes leichter umzusetzen. Die Ausbildung von Radio- und Fernsehjournalisten k\u00f6nnte und sollte sich st\u00e4rker dem Thema \u201eInterview\u201c widmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernd-Peter Arnold<br><\/strong><strong>Nachrichtenselektion im Zeitalter des Internets<br><\/strong><strong>Ein kritisches Pl\u00e4doyer f\u00fcr sogf\u00e4ltigen Journalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesen Tagen steht der Journalismus oftmals in der Kritik. Die Arbeit der Medienmacher wird gelegentlich professionell, meist aber interessengesteuert und emotional kritisiert. Es ist klar, dass der Journalismus sich auf die gesellschaftlichen und technischen Ver\u00e4nderungen einstellen muss. Im Zeitalter der Digitalisierung m\u00fcssen traditionelle Arbeitsmethoden \u00fcberdacht und angepasst werden. Stets aber muss es um die Erhaltung des Qualit\u00e4tsjournalismus gehen. Die professionelle Nachrichtenauswahl, durch die bekanntlich die Agenda der Gesellschaft bestimmt wird, spielt angesichts der zum Teil gef\u00e4hrlichen Entwicklungen durch die sozialen Medien \u00a0eine immer bedeutendere Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Thema \u201eNachrichtenselektion im Zeitalter des Internets\u201c habe ich den folgenden Aufsatz in dem von Karl Nikolaus Renner, Tanjev Schultz und J\u00fcrgen Wilke herausgegebenen Buch \u201eJournalismus zwischen Autonomie und Nutzwert\u201c (K\u00f6ln, von Halem Verlag, 2017) verfasst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn der Beitrag Ihr kritisches Interesse f\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungef\u00e4hr 2.500 Jahre liegen zwischen den Berichten \u00fcber zwei Ereignisse, die zu ihrer Zeit die jeweilige \u00d6ffentlichkeit bewegt haben. Es geht um den Peloponnesischen Krieg im f\u00fcnften Jahrhundert vor Christus und den Anschlag im Olympia-Einkaufzentrum in M\u00fcnchen am 22. Juli 2016.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thukydides, griechischer Flottenkommandeur im Peloponnesischen Krieg, Berichterstatter und Historiker beginnt seinen Bericht mit der Bemerkung:<br>\u00bbWas aber tats\u00e4chlich geschah in dem Krieg, erlaube ich mir nicht nach Ausk\u00fcnften des ersten Besten aufzuschreiben, auch nicht nach meinem Daf\u00fcrhalten, sondern bin Selbsterlebtem und Nachrichten von anderen mit aller erreichbaren Genauigkeit bis ins Einzelne nachgegangen. M\u00fchsam war diese Forschung, weil die Zeugen der einzelnen Ereignisse nicht das selbe \u00fcber das selbe aussagten, sondern je nach Gunst oder Ged\u00e4chtnis.\u00ab ( M\u00fcnchen 1991, S. 35).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberlegungen zur Sorgfalt eines Berichterstatters, zu journalistischer Sorgfalt w\u00fcrde man die \u00c4u\u00dferungen von Thukydides heute nennen. Als am 22. Juli 2016 ein junger Mann in einem M\u00fcnchner Einkaufszentrum zehn Menschen t\u00f6tete, basierte die Berichterstattung zun\u00e4chst gro\u00dfenteils auf nicht \u00fcberpr\u00fcften Aussagen von Augenzeugen, auf den Informationen selbsternannter Journalisten im Internet und auf m\u00f6glicherweise bewu\u00dft verbreiteten Falschmeldungen. Anonyme \u201eB\u00fcrgerjournalisten\u201c meldeten \u00fcber Soziale Medien, auch in der M\u00fcnchner Innenstadt werde geschossen. Gro\u00dfeins\u00e4tze der Polizei waren die Folge von Ger\u00fcchten und Falschmeldungen. Eine Gro\u00dfstadt befand sich im Ausnahmezustand. Hilflos wirkende Fernsehreporter beriefen sich lange Zeit ebenfalls auf Ger\u00fcchte. Erst ein besonnener Polizeisprecher brachte Ordnung in das Informationschaos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Anschlag von M\u00fcnchen ist nur ein Beispiel f\u00fcr die Probleme und Gefahren, denen sich die aktuelle Medienberichterstattung heute gegen\u00fcber sieht. In einer Zeit, in der jeder alles an alle verbreiten kann, muss es darum gehen, die journalistischen Grunds\u00e4tze von Informationsauswahl, Recherche und \u00dcberpr\u00fcfung nicht nur zu erhalten, sondern immer wieder einzufordern und vor allem, sie dem journalistischen Nachwuchs zu vermitteln. Nur so kann und muss sich der professionelle Nachrichtenjournalismus unterscheiden von den Informationen von Wichtigtuern, die weitgehend Meinungen und pers\u00f6nliche Befindlichkeiten verbreiten. Nur so kann letztlich der professionelle Journalismus \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Zeit, in der Ger\u00fcchte und Meinungen in Form von Fakten real-time publiziert werden k\u00f6nnen, hat sich die Frage der Korrektheit, der \u00dcberpr\u00fcfbarkeit v\u00f6llig neu zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Reporter am Ort eines Geschehens und ein Informationen ausw\u00e4hlender Redakteur k\u00f6nnen selbstverst\u00e4ndlich nicht ignorieren, was bereits \u00f6ffentlich geworden ist \u2013 aus welchen Quellen und mit welchen Absichten auch immer. Sie m\u00fcssen derartige Ger\u00fcchte zur Kenntnis nehmen \u2013 ihre Leser, H\u00f6rer und Zuschauer kennen sie n\u00e4mlich im Zweifel bereits. Es geht aber darum, sie sorgf\u00e4ltig zu \u00fcberpr\u00fcfen. Zur sorgf\u00e4ltigen Nachrichtenauswahl kommt immer st\u00e4rker die Nach-Recherche. Nachrichtengestaltung auf der Basis vorhandener, zuverl\u00e4ssiger Quellen, das hei\u00dft Nachrichtenagenturen und eigene Mitarbeiter &nbsp;ist in einer Zeit, in der jeder alles verbreiten kann, nicht mehr ausreichend. Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen zus\u00e4tzliche Informationsquellen nat\u00fcrlich auch Vorteile bieten. Ihre \u00dcberpr\u00fcfung bedeutet aber zus\u00e4tzlichen Aufwand, der angesichts der Sparzw\u00e4nge in vielen Redaktionen kaum zu leisten ist. Der Gatekeeper wird zus\u00e4tzlich zum Rechercheur, zum Rechercheur nicht nur bez\u00fcglich der Inhalte, sondern vor allem auch bez\u00fcglich der Validit\u00e4t der Quellen. Die Gefahr, dass die Medien manipuliert werden, ist daher gro\u00df. Hier kommt es auch auf die korrekte Bezeichnung von Internet-Quellen an, auf deutliche Hinweise auf deren Hintergr\u00fcnde und gegebenenfalls die Nicht-\u00dcberpr\u00fcfbarkeit. Ein Beispiel: Nachrichten \u00fcber den Syrien-Konflikt kommen seit langem von der \u201eSyrischen Beobachtungsstelle f\u00fcr Menschenrechte\u201c mit Sitz in London. Dass diese Organisation f\u00fcr die Nachrichtenmedien eine Quelle sein kann, ist klar. Es muss aber stets der Hinweis erfolgen, dass deren Informationen nicht unabh\u00e4ngig \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen. Dieser wichtige Hinweis fehlt aber nicht selten in der Berichterstattung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verfolgt man kritisch die Verbreitung von pers\u00f6nlichen Erlebnissen, die allenfalls Augenzeugenberichte sind, von Meinungen und individuellen Befindlichkeiten und stellt fest, dass diese in die Medienberichte einflie\u00dfen \u2013 ja f\u00fcr viele gar als ausreichende Information \u00fcber das Tagesgeschehen betrachtet werden \u2013 dann kommt einem ein alter, von manchen m\u00f6glicherweise als altmodisch und \u00fcberholt betrachteter Begriff in den Sinn: \u201eJournalistische Sorgfaltspflicht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insbesondere die Medien in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern England, USA und Kanada arbeiten nach sogenannten \u201eAccuracy-Checklist\u201c. Diese Listen enthalten \u2013 eigentlich selbstverst\u00e4ndliche \u2013 Regeln f\u00fcr sorgf\u00e4ltige journalistische Arbeit. Diese Regeln werden von seri\u00f6sen Redaktionen insbesondere jetzt, in der Zeit der Flut nicht \u00fcberpr\u00fcfbarer Informationen wieder st\u00e4rker herangezogen. Vor allem dem journalistischen Nachwuchs werden sie an die Hand gegeben. Bill Kovach und Tom Rosenstiel haben in der j\u00fcngsten Ausgabe ihres Standardwerks \u201eThe Elements of Journalism\u201c (2014, S. 131) eine aktuelle Checkliste zusammengestellt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Is the lead of the story sufficiently supported?<\/li><li>Is the background material required to understand the story complete?<\/li><li>Are the stakeholders in the story identified, and have representatives from that side been contacted and given chance to talk?<\/li><li>Does the story pick sides or make subtle value judgements?<br>Will some people like the story more than they should?<\/li><li>Have you attributed and \/ or documented all the information in your story to make sure it is correct?<\/li><li>Do those facts back up the premise of your story? Do you have multiple sources for controversial facts?<\/li><li>Did you double-check the quotes to make sure they are accurate and in context?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cIdealf\u00e4lle, nicht erreichbar, nicht darstellbar\u201d werden Kritiker sagen. Aber, \u201egoogeln\u201c reicht nicht, will der professionelle Journalismus \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besondere Aufmerksamkeit in dieser Liste verdient die Frage: \u201eWill some people like this story more than they should?\u201c Eine klare Absage an den Gef\u00e4lligkeits-Journalismus \u2013 ob bezahlt oder aus \u00dcberzeugung f\u00fcr eine Sache oder eine Person. Ob es um Themen aus der Wirtschaft oder der Politik geht \u2013 sehr oft (auch in \u00f6ffentlich-rechtlichen Qualit\u00e4tsmedien) werden Interessen bedient.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Beispiel ist der Umgang mit der \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland\u201c. In Interviews im \u00f6ffentlich-rechtlichen Radioprogrammen werden Vertreter dieser Partei oft nicht kritisch befragt. Das w\u00e4re gutes journalistisches Handwerk \u2013 vermutlich mit wichtigen Informationsergebnissen, auf deren Basis sich H\u00f6rer ein eigenes Bild von dieser Partei machen k\u00f6nnen. Stattdessen werden die Politiker st\u00e4ndig unterbrochen. Ihnen werden dann alte \u00c4u\u00dferungen anderer Vertreter der Partei vorgehalten \u2013 aus dem Zusammenhang gerissen. Die vermeintlich kritischen Journalisten wollen offenbar diese Gespr\u00e4chspartner \u201evorf\u00fchren\u201c. Das mag ihren Freunden und Kollegen gefallen (\u201eWill some people like this story more than they should?\u201c). Das breite Publikum hat im Zweifel eher Verst\u00e4ndnis f\u00fcr einen unfair und unprofessionell behandelten Politiker. Ob den Interviewern wohl klar ist, wessen \u201eGesch\u00e4ft\u201c sie hier betreiben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bereits gesagt: Es geht um Sorgfalt bei der Recherche, ebenso wie bei der Nachrichtenselektion. Dass die Grunds\u00e4tze f\u00fcr Reporter und Autoren gelten m\u00fcssen ist klar. Eine solide Basis-Recherche, das hei\u00dft die Recherche zu einem neuen Thema, verf\u00e4hrt nach diesen Regeln. Immer wichtiger wird aber die Nach-Recherche, das hei\u00dft die \u00dcberpr\u00fcfung von Nachrichten und ihren Quellen durch die Gatekeeper, &nbsp;die ausw\u00e4hlenden Redakteure. Sie befinden sich in der wachsenden Gefahr, unseri\u00f6sen, ungenauen und interessengesteuerten Informationen aufzusitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Verifizieren von Informationen geh\u00f6rt im Journalismus \u2013 ebenso wie in der Wissenschaft \u2013 das Falsifizieren. Die Frage, ob dieser Grundsatz allen Berichterstattern und Gatekeepern bewu\u00dft ist, muss wohl ernsthaft gestellt werden. Internetquellen, insbesondere die Sozialen Medien, liefern so viele Informationen zu nahezu allen Themen, dass es leicht ist, f\u00fcr jede Hypothese oder jede Vermutung eine Best\u00e4tigung zu finden. Eine hochgef\u00e4hrliche Herangehensweise. Erst das Beachten der Gegenargumente, der Gegenbelege macht eine Geschichte solide und zuverl\u00e4ssig. Zugegebenerma\u00dfen f\u00e4llt durch das Falsifizieren manches Thema in sich zusammen. Aber der Satz: \u201eIch werde mir doch meine Vorurteile nicht wegrecherchieren\u201c gilt allenfalls als Karikatur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich m\u00fcssen die Redaktionen der professionellen Medien heutzutage die Sozialen Medien ernst nehmen und sie verantwortungsvoll nutzen. Ihre Rolle als Quellen bei der Nachrichtenauswahl bedarf aber kritischer \u00dcberlegungen, zumal die Versuchung angesichts knapper Ressourcen in den Redaktionen gro\u00df ist, diesen problematischen Quellen zu viel Gewicht beizumessen. Eine wichtige Frage lautet, wer sich hinter diesen Ver\u00f6ffentlichungen verbirgt. Da sind zum einen die \u201eB\u00fcrgerjournalisten\u201c, Menschen mit Zeit und Interesse an Neuem und Interessantem. Ihre Berichte sind in der Regel Zufallsprodukte, die Beschreibung eigener Beobachtungen. Weder die Auswahl der Informationen noch die Darstellung sind professionell. Sie haben allenfalls die Qualit\u00e4t von Augenzeugenberichten. Punktuelle Beobachtungen ohne Hintergrundrecherche sowie pers\u00f6nliche Bewertungen sind die Basis. Eine andere Gruppe sind die von einem Geschehen Betroffenen, die ihre Eindr\u00fccke verbreiten. Hier von Objektivit\u00e4t zu sprechen, w\u00e4re sehr verwegen. Und: schlie\u00dflich die zuf\u00e4lligen Augenzeugen, die ein Ereignis mitbekommen und nun ihre \u201eSternstunde\u201c erleben. Selbst wenn man den B\u00fcrgerjournalisten und den zuf\u00e4lligen Beobachtern die Qualit\u00e4t von Augenzeugen beimisst: Augenzeugen waren stets und bleiben problematische Quellen, denen ein erfahrener und verantwortungsbewu\u00dfter Journalist mit allergr\u00f6\u00dfter Vorsicht begegnet. Jeder Richter in Verkehrsstrafsachen wei\u00df Erlebnisse mit Augenzeugen zu berichten, die an deren Wert immer wieder zweifeln lassen. \u00c4hnliche Erlebnisse haben Journalisten, die nach einem Ereignis mit Augenzeugen sprechen. Zwei Probleme ergeben sich immer wieder. Einmal haben Augenzeuge von Journalistengespr\u00e4ch zu Journalistengespr\u00e4ch immer mehr gesehen. Sie leiten aus Fragen Antworten ab, die mit der Realit\u00e4t oft wenig zu tun haben. Schlie\u00dflich muss nat\u00fcrlich ein solide arbeitender Journalist die vorhandene oder fehlende Sachkompetenz eines Augenzeugen ber\u00fccksichtigen. Ob ein Zufallszeuge oder ein Luftfahrt-Experte als Augenzeuge eines Flugzeugunfalls gefragt werden, muss gewiss bei der Einordnung und Bewertung von Aussagen unterschiedlich eingesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vorkommnisse im Jahr 1977 im Zusammenhang mit der Entf\u00fchrung des damaligen Arbeitgeberpr\u00e4sidenten Schleyer sind Gegenstand vieler Diskussionen und Publikationen. Unmittelbar nach der Tat wurden am Tatort Augenzeugen live im Radio interviewt. Sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass die vermeintlichen Augenzeugen Mitt\u00e4ter beziehungsweise Unterst\u00fctzer waren, die versucht hatten, die Fahnder in die Irre zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">B\u00fcrgerjournalisten und Augenzeugen ungepr\u00fcft als Informationsquellen zu benutzen, birgt stets auch die Gefahr, manipuliert und damit auch instrumentalisiert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesen Zusammenhang geh\u00f6rt auch eine aktuelle Mode im Journalismus. \u00bbIch bin ganz nah bei den Leuten. Ich spreche immer direkt mit den B\u00fcrgern.\u00ab lie\u00df sich eine Reporterin einer \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt stolz vernehmen \u2013 mit dem Unterton, dass das Publikum so authentische Informationen bekomme. Auch hier das Ph\u00e4nomen der punktuellen, pers\u00f6nlich gef\u00e4rbten und motivierten Detail-Berichterstattung, die nat\u00fcrlich kein wirkliches Bild von einer Situation liefern kann. Medien laufen Gefahr, statt Informationen immer mehr Unterhaltung zu liefern: Gegen gut gemachtes \u201eInfotainment\u201c ist selbstverst\u00e4ndlich nicht nur nichts einzuwenden. Es hat eine au\u00dferordentlich wichtige Funktion. Der Transport von Informationen mit Mitteln der Unterhaltung kann ein sinnvolles Instrument sein, Informationen auch an Adressaten zu vermitteln, die eher nicht offen f\u00fcr \u201espr\u00f6de\u201c Nachrichten sind. Erinnert sei hier aber an die These, mit der Neil Postman Mitte der 1980-er Jahre Teile der Radio- und Fernsehwelt gegen sich aufbrachte. \u00bbProblematisch am Fernsehen ist nicht, dass es unterhaltsame Themen pr\u00e4sentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung pr\u00e4sentiert.\u00ab (1985, S. 110).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Emotionen statt \u201eNachrichten mit Gebrauchswert\u201c. Der angels\u00e4chsische Begriff \u201eNews you can use\u201c geht mehr und mehr verloren, wenn pers\u00f6nliche Erlebnisse Betroffener, Befindlichkeiten und Bewertungen Kriterien f\u00fcr das Bringen oder Nicht-Bringen werden. Oft wird berichtet, wie Menschen auf Nachrichten reagieren, welche Meinung sie dazu haben. Betrachtet man einmal \u00fcber einen gewissen Zeitraum die Informationen, die \u00fcber die Sozialen Medien verbreitet werden, f\u00e4llt auf, dass eine sehr gro\u00dfe Zahl Reaktion auf Nachrichten sind, die man \u2013 gegebenenfalls nat\u00fcrlich online \u2013 aus professionellen Medien erfahren hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird deutlich, wodurch nach wie vor \u2013 und m\u00f6glicherweise immer st\u00e4rker \u2013 die Agenda wirklich bestimmt wird. Es sind die gro\u00dfen Nachrichtenagenturen, die die Auswahl treffen und die Vorgaben machen. Die Nachrichtenagenturen sind nun einmal die wichtigsten Nachrichtenlieferanten. Lange Zeit habe Redakteure despektierlich von \u201eAgenturgl\u00e4ubigkeit\u201c vieler Kollegen gesprochen. Was w\u00e4re wohl mit ihren Medien geschehen, h\u00e4tte man auch nur f\u00fcr wenige Stunden die Agenturempf\u00e4nger abgeschaltet? Die bew\u00e4hrten und meist mit hoher journalistischer Qualit\u00e4t arbeitenden Nachrichtengro\u00dfh\u00e4ndler, die Agenturen bestimmen \u2013 wie gesagt \u2013 weitegehend die Nachrichtenauswahl der Medien und damit auch derer, die \u00fcber die Sozialen Medien weiter publizieren. Soweit deren \u00c4u\u00dferungen \u00fcber pers\u00f6nlich Erlebtes und ihre pers\u00f6nliche Befindlichkeit hinausgehen, sind es Reaktionen auf Nachrichten, Nachrichten, die meist von Agenturen stammen und \u00fcber klassische Medien verbreitet wurden. Es ist keine allzu gewagte Prognose, den gro\u00dfen Nachrichtenagenturen gute Zukunftsperspektiven vorauszusagen, vorausgesetzt nat\u00fcrlich, sie stehen auch k\u00fcnftig f\u00fcr hohe journalistische Qualit\u00e4t. Diese basiert auf sorgf\u00e4ltiger Recherche, dem 2-Quellen-Prinzip und dem Grundsatz \u201enicht nur verifizieren, sondern stets auch falsifizieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine andere Entwicklung als in der \u00fcberregionalen Berichterstattung zeigt sich bei Lokal- und Regional-Nachrichten. Gewiss, den B\u00fcrgerjournalisten gibt es auch im lokalen Bereich. Aber hier stehen au\u00dfer den pers\u00f6nlichen Beobachtungen und Erlebnissen kaum Nachrichtenquellen zur Verf\u00fcgung, an deren Ver\u00f6ffentlichung man sich mit eigenen Kommentaren \u201eanh\u00e4ngen\u201c kann. Lokale und regionale Medien arbeiten st\u00e4rker als \u00fcberregionale mit der Eigenrecherche und kaum mit Nachrichten, die ohnehin vorhanden sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Belegt wird dies durch eine Studie, die das Pew Research Center in Baltimore in den USA veranstaltet hat. Im Jahr 2010 untersuchte das Institut in dieser Stadt bei 53 Medien-Outlets die Lokalnachrichten. Zentrale Frage war, ob die Lokalberichte neue Informationen enthielten, oder nur bereits Bekanntes wiederholten. Das Ergebnis ist erstaunlich und best\u00e4tigt eigene Beobachtungen: vier F\u00fcnftel der Berichte brachten bereits Bekanntes. Und dann: 95% der Berichte mit wirklich Neuem erschienen in den traditionellen Medien Zeitungen, Lokalfernsehen und Lokalradio. Auf die Sozialen Medien entfielen gerade einmal 5%. (2010)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es stellt sich auch die Frage nach der Nachrichtenauswahl bei den sogenannten \u201eLivetickern\u201c. Stefan Niggemeier (2014) \u00fcberschrieb einen Hintergrundbericht in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bezeichnenderweise: \u201eIrgendwas ist immer\u201c. \u00bbDer Liveticker ist zu einem allgegenw\u00e4rtigen Online-Format geworden. Er suggeriert fortw\u00e4hrend, dass irgendwo etwas passiert, das unsere permanente Aufmerksamkeit verlangt.\u00ab Kritisch setzt er sich mit dieser Art der Nachrichtenauswahl und \u2013verbreitung auseinander. Zum Thema Auswahl, Gewichtung und Aktualisierung hei\u00dft es: \u00bbEine f\u00fcr kontinuierliche Updates ma\u00dfgeschneiderte Software, \u201escribble live\u201c macht es einfach, Tweets und andere Inhalte einzubinden. Mit dem Programm k\u00f6nnen auch Reporter von au\u00dferhalb unkompliziert per Mobiltelefon neue Beobachtungen direkt auf die Seite senden. Aber wie das so ist: Eine Software, die es leicht macht, einen Text zu aktualisieren, macht es auch sehr schwer, ihn nicht zu aktualisieren. Und so wohnt den Nachrichtentickern die Tendenz inne, zu Nicht-Nachrichtentickern zu werden.\u00ab (Niggemeier aaO) Oft wird dann, dies lehrt die Erfahrung, lediglich mitgeteilt, dass es nichts mitzuteilen gibt. Aber auch dies halten bekanntlich manche f\u00fcr eine Nachricht. Niggemeier (aaO) kommt zu dem Schlu\u00df: \u00bbEs ist in mancher Hinsicht eine unjournalistische journalistische Form: sie sortiert und gewichtet nicht, sie sammelt nur und h\u00e4lt das, was sie findet, in chronologischer Reihenfolge fest.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch hier ist nat\u00fcrlich die Gefahr der Manipulation gegeben. Inhalte werden etwa regelm\u00e4\u00dfig so umgestaltet, dass sie bei Suchmaschinen besonders gut \u201eankommen\u201c. Neue \u00dcberschriften sollen beispielsweise den Eindruck vermitteln, es g\u00e4be etwas Neues. Da Click-Zahlen f\u00fcr den Verkauf von Online-Werbung bekanntlich sehr relevant sind, ist Phantasie gefragt, diese zu erh\u00f6hen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nachrichtenselektion f\u00fcr reine Online-Medien und die Nutzung von Sozialen Medien durch die klassischen Nachrichtenredaktionen werfen zwei weitere Probleme auf. Da ist zum einen der sogenannte Echtzeit-Journalismus und dann das \u00fcberstrapazierte Ph\u00e4nomen der \u201eBreaking-News\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sowohl professionelle Journalisten als auch Amateure nutzen nicht selten die technische M\u00f6glichkeit, von laufenden Ereignissen (Sitzungen, Pressekonferenzen, Gerichtsverhandlungen bis hin zu Polizeieins\u00e4tzen) unmittelbar online zu berichten. Nun tun die klassischen elektronischen Medien, insbesondere das Radio dies seit ihrem Bestehen. Live-Berichterstattung geh\u00f6rt dort zum Alltag. Der wesentliche Unterschied und die Gefahr der geschilderten aktuellen Online-Berichterstattung bestehen jedoch darin, dass Nachrichten \u00fcber Ereignisse verbreitet werden, bevor diese abgeschlossen sind oder zumindest einen Stand erreicht haben, der eine zuverl\u00e4ssige Berichterstattung wirklich erlaubt. Sonst entstehen Falschmeldungen und Widerspr\u00fcche. Aber ist eine solche Nachricht erst einmal publiziert, ist sie kaum noch zu korrigieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBreaking-News\u201c galt bis vor wenigen Jahren als etwas Besonderes. Ein Ereignis wurde von professionell arbeitenden Journalisten als so wichtig bewertet, dass man ein Radio- oder Fernseh-Programm unterbrach, weil man nicht bis zur n\u00e4chsten Nachrichtensendung warten wollte. Dies waren schwerwiegende Entscheidungen, und die Verantwortlichen mussten f\u00fcr eine Programmunterbrechung gewichtige Gr\u00fcnde anf\u00fchren. In den Online-Medien scheint es fast immer nur \u201eBreaking-News\u201c zu geben \u2013 dabei ist der Begriff im Zusammenhang mit einer ohnehin m\u00f6glichen st\u00e4ndigen Aktualisierung genaugenommen \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres Problem des derzeitigen Journalismus wird durch die Flut der Online-Publikationen ebenfalls verst\u00e4rkt: Die Neigung, ja oft sogar die Flucht zum Kommentar. Nachrichtenbeschaffung ist kostspielig und erfordert viel professionelle Erfahrung. Kommentierung ist vergleichsweise leicht. Deshalb werden allzu oft fehlende Informationen durch Meinungs\u00e4u\u00dferungen ersetzt \u2013 h\u00e4ufig vermeintlich geschickt, aber letztlich doch verr\u00e4terisch kaschiert durch den Begriff \u201eEinsch\u00e4tzung\u201c. Der journalistische Grundsatz der Trennung von Nachrichten und Meinungen \u2013 im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk sogar gesetzlich beziehungsweise staatsvertraglich vorgegeben \u2013 wird immer \u00f6fter nicht mehr beachtet. In den Sozialen Medien werden neben punktuellen Einzelbeobachtungen im Wesentlichen pers\u00f6nliche Meinungen und \u201eEinsch\u00e4tzungen\u201c verbreitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wiedergabe von Meinungen in Form von Zitaten ist nat\u00fcrlich \u201eNachricht\u201c. Doch bei der Auswahl kommt es hier \u2013 dies ist ein eherner Grundsatz f\u00fcr Nachrichtenredakteure \u2013 auf zwei Kriterien an, auf Relevanz und Meinungsvielfalt. Boris Paal und Moritz Hennemann (2016) sehen hier Gefahren. In einem Beitrag f\u00fcr die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreiben die Autoren: \u00bbEine offene Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt. Die ist jedoch durch digitale Plattformen bedroht, die herrschende Ansichten verst\u00e4rken.\u00ab Besonders kritisch sehen die beiden Wissenschaftler die Struktur der Such- und Auswahl-Algorithmen, die sich nach ihrer Beobachtung vielfach vor allem an der von den Betreibern selbst definierten Relevanz orientiert. \u00bbSoweit sich die Relevanz regelm\u00e4\u00dfig an Mehrheitspr\u00e4ferenzen ausrichtet, bedeutet dies, eine sich selbst verst\u00e4rkende Verzerrung zugunsten von beliebten Inhalten. Auf Wahlk\u00e4mpfe \u00fcbertragen folgt hieraus, dass ein entsprechender Algorithmus die zu Beginn des Wahlkampfes bestehende Mehrheitsmeinung beg\u00fcnstigt.\u00ab (Paal und Hennemann aaO) Kritisch betrachten Paal und Hennemann auch, dass digitale Nachrichtenplattformen das Nutzerverhalten auswerten. Nahliegend ist, dass dann, um Abrufzahlen zu erh\u00f6hen, Nachrichten nach dem Geschmack der Adressaten ausgew\u00e4hlt werden. Nachrichtenauswahl nach Verkaufbarkeit f\u00fchrt freilich nicht zu einer informierten Gesellschaft. Zur Informiertheit geh\u00f6rt bekanntlich die Kenntnis m\u00f6glichst vieler Meinungen, und zwar relevanter Meinungen. Es geh\u00f6rt zu den wichtigsten Aufgaben professioneller Journalisten, dem Adressaten eine Vielfalt relevanter Positionen zu pr\u00e4sentieren. Allerorten wird gefordert, der B\u00fcrger solle in die Lage versetzt werden, sich selbst Urteile zu bilden. Richtig, und zwar auf der Basis von anderen Meinungen. \u201eRelevante Meinungen\u201c hei\u00dft weder nur \u201eoffizielle\u201c Meinungen noch die Meinungen von Wichtigtuern oder Menschen mit negativen Absichten, die sich permanent \u00fcber Soziale Medien \u00e4u\u00dfern. Die Auswahl relevanter Positionen Suchmaschinen nach Nutzerverhalten zu \u00fcberlassen, f\u00fchrt letztlich zur Manipulation von Meinungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt, dass die Trennung von Public Relations, Werbung und Berichterstattung mit diesen Methoden gewiss auf Dauer nicht aufrecht zu erhalten \u2013 und vermutlich auch nicht gewollt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00f6sterreichische Fernsehjournalist und Medienwissenschaftler Armin Wolf ging in einer Vorlesung an der Wiener Universit\u00e4t (Wien 2013) auf das bereits erw\u00e4hnte Ph\u00e4nomen ein, dass in den Sozialen Medien meist Informationen weitergegeben und allenfalls kommentiert werden, die diese \u00fcber die traditionellen Medien erfahren haben. Dies gilt \u2013 so Wolf \u2013 auch f\u00fcr Enth\u00fcllungen beispielsweise durch Wikileaks und dergleichen, die zwar ins Netz gestellt, aber an ein breites Publikum durch die traditionellen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen verbreitet werden. Man \u00fcberl\u00e4sst also die Auswahl und Gewichtung des f\u00fcr das Publikum Wichtigen den professionellen Journalisten. Wolf zitiert den fr\u00fcheren General-Intendanten des \u00d6sterreichischen Rundfunks (ORF), Gerd Bacher mit dem Satz: \u00bbJournalismus ist Unterscheidung \u2013 die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr, wichtig und unwichtig, Sinn und Unsinn.\u00ab (Wien 2013, S. 64) Damit ist die Frage, die der Titel von Wolfs Publikation anl\u00e4sslich der Vorlesung stellt \u201eWozu brauchen wir noch Journalisten?\u201c eigentlich beantwortet. Wolf argumentiert unter Ber\u00fccksichtigung der \u00dcberflutung durch Nachrichten aus dem Internet: \u00bbDas heutige Bild eines Journalisten ist deshalb nicht mehr das eines Gatekeepers, glaube ich, sondern das des Kurators. Derjenige, dem Sie zutrauen, dass er f\u00fcr Sie ausw\u00e4hlt, welchen Informationen Sie Ihre begrenzte Zeit und Aufmerksamkeit widmen sollen. Das ist keine Machtposition mehr, sondern eine Dienstleistung. Eine wertvolle Dienstleistung allerdings. Diese Auswahl st\u00e4ndig selbst zu treffen, w\u00e4re heute zwar grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich \u2013 aber letztlich ist es ineffizient.\u00ab (2013, S. 78) Er f\u00e4hrt dann fort: \u00bbSie brauchen jemanden, der Ihnen empfiehlt, was Sie sich ansehen sollen. Sie k\u00f6nnen das \u00fcber Ihren Facebook-Newsfeed erledigen und nur das lesen, was Ihnen Ihre Facebook-Freunde schicken. Ich bin nicht ganz sicher, ob Sie dadurch ein besonders umfassendes Bild vom Weltgeschehen bekommen.\u00ab (2013, S. 78)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Professionelle Auswahl, Gewichtung und Gestaltung von Nachrichten sind es, die dem B\u00fcrger die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, sich ein Bild vom Tagesgeschehen zu machen. Punktuelle, oft interessengesteuerte Informationen verm\u00f6gen das nicht. Schon allein die Flut der Informationen, die ungeordnet \u00fcber die reinen Internetnutzer hereinbricht, \u00fcberfordert diese. Arthur O. Sulzberger, der langj\u00e4hrige Herausgeber der New York Times formuliert: \u00bbThere is no shortage of news in the world. If you want news, you can go to cyberspace and grab out all this junk. But I don\u2019t think most people are competent to become editors, or have the time or the interest.\u00ab (2012)<br>(Es gibt keinen Mangel an Nachrichten auf dieser Welt. Wenn man Nachrichten will, begibt man sich in den Cyberspace und greift sich all das Zeug. Ich glaube aber nicht, dass die meisten Leute kompetent sind, Redakteure zu werden oder die Zeit oder das Interesse daf\u00fcr haben.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Pl\u00e4doyer f\u00fcr professionellen Journalismus bedeutet auch, dass eine gr\u00fcndliche Journalisten-Ausbildung von allergr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit ist. Dem journalistischen Nachwuchs muss vermittelt werden, welche Rolle Nachrichtenauswahl und Nachrichtengewichtung spielen. Die von Armin Wolf zu Recht geforderte Kuratoren-Rolle kann man verantwortlich nur ausf\u00fcllen, wenn man mehr erfahren hat als die Anwendung und Wirkung moderner Techniken des m\u00f6glichst schnellen Informationsumschlags.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob durch die zus\u00e4tzlichen Informationskan\u00e4le eine insgesamt gr\u00f6\u00dfere Informiertheit der Gesellschaft erreicht wird, ist zumindest zweifelhaft. Die nordamerikanische Kommunikationswissenschaft spricht von einer Spaltung der Gesellschaft in \u201eInformation-Rich\u201c und \u201eInformation-Poor\u201c. Erstere k\u00f6nne sich aufgrund materieller und intellektueller M\u00f6glichkeiten alle gew\u00fcnschten Informationen beschaffen. Letztere begn\u00fcgen sich mit \u201eH\u00e4ppchen-Informationen\u201c aus Boulevard-Medien und dem Internet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Meyer (Berlin 2015, S. 179) weist deutlich darauf hin, dass durch die Tatsache, dass Viele sich auf die Informationen \u00fcber Soziale Netzwerke beschr\u00e4nken, die Spaltung der Gesellschaft in gut Informierte und weniger Informierte gef\u00f6rdert wird. \u00bbHierzulande sind zwei Drittel der Internetnutzer lediglich an Unterhaltung interessiert und nur ein reichliches Viertel an politischen Informationen. Und selbst von diesen sind die allerwenigsten aktive Kommunikatoren, der Gro\u00dfteil rezipiert passiv die Kommunikation der anderen \u2013 und die ist \u00fcberwiegend flach und chaotisch. \u2026 So versch\u00e4rft sich die aus der Offline-Welt vertraute Asymmetrie: die gut Informierten sind nun noch besser informiert, der Rest ger\u00e4t immer weiter ins Hintertreffen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den traditionellen Qualit\u00e4tsmedien kommen angesichts der \u00dcberflutung der Gesellschaft mit nicht-professionell ausgew\u00e4hlten, gewichteten und gestalteten Informationen nach wie vor und sogar immer st\u00e4rker fundamental wichtige Aufgaben zu. Zun\u00e4chst liefern sie die Informationsbasis, ohne die die Sozialen Medien recht inhaltslos blieben. Durch ihre publizistische Qualit\u00e4t geben sie ihren Adressaten ein immer wichtiger werdendes Instrument an die Hand. Dieses Werkzeug beschreibt Arthur O. Sulzberger mit den Worten: \u00bbYou are not buying news when you buy the New York Times. You are buying judgement.\u00ab (Sulzberger aaO) (Sie kaufen, wenn sie die New York Times kaufen, keine Nachrichten. Sie kaufen Urteilskraft.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei aller Kritik und angesichts zahlreicher Probleme darf nat\u00fcrlich eines nicht \u00fcbersehen und nicht untersch\u00e4tzt werden: Die neuen Informationskan\u00e4le bieten dem professionellen Journalisten viele zus\u00e4tzliche Chancen, seine Nachrichtengebung zu bereichern. Vor allem aber werden neue Wege zur Recherche er\u00f6ffnet. Zu fordern sind aber hier ausgepr\u00e4gte Skepsis, kritische Distanz \u2013 vor allem aber die Bereitschaft, Information und Quellen sorgf\u00e4ltig und kritisch zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dies ist teuer, m\u00fchsam und unbequem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Schlu\u00df nochmal die R\u00fcckblende in das f\u00fcnfte Jahrhundert vor Christi Geburt: \u201eThukydides, Flottenkommandant und Berichterstatter \u00fcber den Peloponnesischen Krieg zu einem Thema auch und gerade unserer Zeit: \u00bbLeichtsinnig sind die meisten bei der Erforschung der Wahrheit und geben sich mit den ersten besten Nachrichten zufrieden.\u00ab (aaO).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellenverzeichnis:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Habermann, Clyde<br>\u201eArthur O. Sulzberger died\u201c<br>New York Times 29. September 2012<\/li><li>Kovach, Bill und Rosenstiel, Tom<br>\u201eThe Elements of Journalism\u201c<br>New York 2014 (Three Rivers Press)<\/li><li>Meyer, Thomas<br>\u201eDie Unbelangbaren\u201c<br>Berlin 2015 (Suhrkamp)<\/li><li>Niggemeier, Stefan<br>\u201cIrgendwas ist immer\u201d<br>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 23. M\u00e4rz 2014<\/li><li>Paal, Boris und Hennemann, Moritz<br>\u201eGefahr f\u00fcr die Vielfalt?\u201c<br>Frankfurter Allgemeine Zeitung 25. Mai 2016<\/li><li>Pew Research Center<br>\u201eHow News Happens\u201c Studie<br>Baltimore 2010<\/li><li>Thukydides \u201eGeschichte des Peleponnesischen Krieges\u201c<br>zitiert nach der \u00dcbersetzung von Georg Peter Landmann<br>M\u00fcnchen 1991 (dtv)<\/li><li>Wolf, Armin<br>\u201cWozu brauchen wir noch Journalisten ?\u201d<br>Wien 2013 (Picus)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Empfohlene weiterf\u00fchrende Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Fuller, Jack<br>\u201cWhat is happening to News ?\u201d<br>Chicago 2010 (University of Chicago Press)<\/li><li>Arnold, Bernd-Peter<br>\u201cNachrichten \u2013 Schl\u00fcssel zu aller Information \u201c<br>Baden-Baden 2016 (Nomos)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Aufsatz ist erschienen in \u201eJournalismus zwischen Autonomie und Nutzwert\u201c<br>(K\u00f6ln, von Halem Verlag, 2017), Hrsg. Karl Nikolaus Renner, Tanjev Schultz und J\u00fcrgen Wilke<br>\u201eNachrichtenselektion im Zeitalter des Internets\u201c, Seite 213 ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag aus dem Buch von Nikolaus Jackob &#8222;Die Mediengesellschaft und ihre Opfer&#8220; (Berlin 2018 Verlag Peter Lang) Zw\u00f6lftes Kapitel\u2009: Exkurs: \u201eDas Interview als Verh\u00f6r\u201c \u2013 oder die Frage, wie man mit Interviewfragen das Trennungsgebot aushebeln kann Gastbeitrag von Bernd-Peter Arnold \u201eNever forget who the star of the interview is\u201c.988 Der amerikanische Journalismusdozent John Brady benennt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-34","page","type-page","status-publish","hentry","missing-thumbnail"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/34","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/34\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":46,"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/34\/revisions\/46"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/Bernd-Peter-Arnold.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}