Das neue Buch

Zu diesem Buch

„Die Medien  sind an allem schuld!“ – wodurch entsteht dieser zumindest teilweise durchaus begründete Eindruck ? Viele Medien­ nutzer haben offenbar das Gefühl, die Medien nähmen es mit der Wahrheit nicht genau, Meinungen seien wichtiger als Fakten, zumindest die öffentlich-rechtlichen Medien seien zu stark von der Politik beeinflusst etc. etc. Verstärkt werden solche Urteile auch durch soziale Medien,die teilweise suggerieren, traditionelle Medien seien überholt und man brauche den professionellen Journalismus  überhaupt nicht  mehr.

Kritik am Journalismus, an den klassischen Informationsmedien, ist gewiss in vielen Fällen berechtigt, der professionelle Journalismus hat natürlich Schwächen und Defizite. Viele haben mit Geld- und Personalmangel zu tun, andere mit mangelnder Bildung und Aus­ bildung .Viele Schwächen basieren allerdings auf journalistischem Selbstverständnis und journalistischer Einstellung. Diese Probleme

sind aber nur selten Gegenstand öffentlicher Medienkritik.

Fundamentale Kritik durch Mediennutzer nach dem Motto

„Die Medien sind an allem schuld!“ beruht leider oft auf Un­ kenntnis der Struktur und der Arbeitsweise der Medien. Und oft auch darauf, dass die Mediennutzer in ihrem Verständnis von der Welt nicht genügend Bestätigung erfahren. Hier wäre es wichtig, aufzuklären: Wie funktioniert unser Mediensystem ? Unter wel­ chen Bedingungen arbeiten Journalistinnen und Journalisten ? Welche Rolle spielen (Massen-)Medien für unsere Gesellschaft?

Auch Journali sten tun sich schwer,das eigene Metier kon struktiv kritisch zu betrachten und sich öffentlich mit diesen Fragen aus­ einanderzusetzen. In den vergangenen Jahren sind verschiedene Bücher erschienen, die sich dieses Problems scheinbar annehmen und deren Autoren oft ehemalige Journalisten sind, die das System eigentlich kennen und einschätzen können sollten. Tatsächlich ist die dort geübte Medienkritik aber oft vor allem polemisch und trägt kaum dazu bei, die Probleme des Medienbetriebs tatsächlich zu erklären, geschweige denn Lösungen aufzuzeigen.

Das vorliegende Buch ist kein Entschuldigungsbuch -im Gegen – teil: Es will ein Erklärbuch sein, das den Kritikern „der Medien“ in vielen Fällen Recht gibt, aber oberflächliche, unbegründete Kritik auch widerlegt.Es erklärt die Mechanismen der Medien und de­ ren Fehlentwicklungen ebenso wie die Sachzwänge, unter denen Journalistinnen und Journali sten arbeiten und die sehr viel öfter Ursache für Fehlleistungen  sind, als die oft unterstellte Absicht.

 

Seit ihrer Existenz hatten Massenmedien wie Radio, Fernsehen und Presse sehr grundsätzliche Wirkungen und haben die Ge­ sellschaft insgesamt verändert. Zunächst ist das Freizeitverhalten ein anderes geworden. Die Zahl der Prim ärerlebni sse sinkt, man lebt stärker „indirekt“, das heißt vermittelt durch die Medien. Das Internet wird diese Entwicklung noch fördern. Von vielen – auch für uns wichtigen – Ereignissen erfahren wir ausschließlich über die Berichterstattung der Medien. Umgekehrt bedeutet das auch: Was wir nicht unmittelbar selbst und auch nicht aus den Medien erfahren, existiert für uns nicht, wird nie Teil unseres Weltbildes. Das wird deutlich, wenn man beispielsweise einmal darüber nachdenkt, wie gerade die politische Lage in einigen Ländern Südamerikas, Afrikas oder Südostasiens ist. Wir wissen es nicht.

 

Wir wissen es nicht, weil wir darüber aus den Medien in der Regel nichts erfahren. Ein Grund dafür sind die Nachrichtenagenturen, die wichtigsten Nachrichtenquellen für Redaktionen überhaupt. Rund zwei Drittel der Nachrichten in deren internationaler Be­ richterstattung beziehen sich direkt oder indirekt auf Nord- und Westeuropa sowie Nordamerika und es wird auch geschätzt, dass zwei Drittel der Nachrichtenjournalisten weltweit Europäer und Nordamerikaner sind. Es gibt sogar Studien, die davon ausgehen, dass die Agenturen aus den USA, Großbritannien und Frankreich etwa 75 Prozent des weltweiten Nachrichtenmarktes beherrschen. Dieses Ungleichgewicht hat historische und politische Ursachen, es hat aber auch weitreichende politische und gesellschaftliche Folgen. Dieses Beispiel macht deutlich, wie abhängig wir davon sind, umfassend und ausgewogen informiert zu werden .Es ist daher von größter Wichtigkeit, dass die Medien diese Informationsfunktion verantwortungsvoll, sorgfältig und vertrauenswürdig ausfüllen. Entsprechend beziehen sich auch Vorwürfe wie „Die Medien sind an allem schuld!“ vor allem auf diesen Bereich und so wird sich auch dieses Buch damit auseinandersetzen, wie Medien uns heute

informieren, zum Beispiel durch Nachrichten.

Nachrichten sind eine verderbliche Ware. Es gibt Fachleute, die sagen, Nachrichten seien so etwas wie der Sekundentakt der Weltgeschichte. Sie sind Momentaufnahmen der tatsächlichen oder auch der vermeintlichen Wirklichkeit und sie orientieren sich auch aus wirtschaftlichen Gründen immer stärker am ver­ muteten Publikumsinteresse. Und Nachrichtenjournalisten sind oft überfordert, aber das waren sie schon immer. Heute besteht das Hauptproblem in der gewaltigen Nachrichtenflut, mit der die auswählenden Redakteure, die Gatekeeper, fertig werden müssen. Die Informationsauswahl wird einerseits immer wichtiger, zugleich

aber auch schwieriger. Wo früher die standardisierte Routine und ein gewisser Grundkonsens über Nachrichtenwerte ausreichten, um dem Publikum ein einigermaßen zutreffendes Bild von der Wirklichkeit zu vermitteln, bedarf es angesichts eines dramatisch wachsenden Informationsangebotes anderer Instrumentarien.

Nachrichtenauswahl ist und bleibt immer eine Frage von Zu­ verlässigkeit, Korrektheit, Verantwortlichkeit und vor allem Un­ abhängigkeit. Nachrichten, die irgendwer irgendwo veröffentlicht, deren Urheber, Vermittler und deren Interessen nicht bekannt und überprüfbar sind, werfen Probleme für unsere Gesellschaft auf, deren Folgen noch gar nicht abzusehen sind. „Der [profes­ sionelle] Journalismus hat [daher] nicht deshalb eine Zukunft, weil er so wichtig ist“, erklärt der österreichische Journalist und Journalismus-Dozent Andreas Koller,

„[s]ondern weil die Demokratie so wichtig ist. Und weil die Demo­ kratie den Journalismus als Treibsatz braucht. Man stelle sich eine Welt ohne klassische Medien vor.Eine Welt, in der die ,Twitteria‘, die Youtube-Fütterer und jene Wesen, die man ausschließlich auf Facebook trifft, die Deutungshohe it über politische Ereignisse haben. [„.] Glauben Sie mir: In einer solchen Welt würden Sie nicht leben wollen . Diese Welt wäre den Launen irgendwelcher Zu­ fallsmehrheiten und Zufallsmeinungsführer  im Netz ausgeliefert.“ 1

 

Wahrheit, Korrektheit und Zuverlässigkeit waren in Demokratie n stets die Basis der Nachrichtengebung .Was geschieht, wenn diese Grundsätze nicht mehr gelten, hat die Welt leidvoll erfahren und erfährt es täglich aufs Neue. Aus der Nazi-Zeit, der DDR, China und Russland (die Reihe ließe sich leider noch lange fortsetzen) sollte man die Lehre ziehen, dass Demokratien von einer zuver­ lässigen, professionellen Nachrichtenauswahl leben. Wenn sich immer mehr Menschen nur noch über Medien informieren, in die

jeder alles hineingeben, deren Korrektheit und Wahrheitsgehalt aber niemand überprüfen kann, dann droht unseren Demokratien eine ernste Gefahr.Das zu verhindern ist eine wesentliche Aufgabe und damit auch eine Zukunftsperspektive des professionellen Journalismus.

Anmerkung

1  Koller,Andreas (2017):Journalismus Macht Wirklichkeit. Wozu Journalismus

dient. Woran er krankt. Und was er mit der Politik zu tun hat. Wien:Picus, 25