Aktuelles

In diesen Tagen steht der Journalismus oftmals in der Kritik. Die Arbeit der Medienmacher wird gelegentlich professionell, meist aber interessengesteuert und emotional kritisiert. Es ist klar, dass der Journalismus sich auf die gesellschaftlichen und technischen Veränderungen einstellen muss. Im Zeitalter der Digitalisierung müssen traditionelle Arbeitsmethoden überdacht und angepasst werden. Stets aber muss es um die Erhaltung des Qualitätsjournalismus gehen. Die professionelle Nachrichtenauswahl, durch die bekanntlich die Agenda der Gesellschaft bestimmt wird, spielt angesichts der zum Teil gefährlichen Entwicklungen durch die sozialen Medien  eine immer bedeutendere Rolle.

Zum Thema „Nachrichtenselektion im Zeitalter des Internets“ habe ich den folgenden Aufsatz in dem von Karl Nikolaus Renner, Tanjev Schultz und Jürgen Wilke herausgegebenen Buch „Journalismus zwischen Autonomie und Nutzwert“ (Köln, von Halem Verlag, 2017) verfasst.

Es wäre schön, wenn der Beitrag Ihr kritisches Interesse fände.

Bernd-Peter Arnold
Nachrichtenselektion im Zeitalter des Internets
Ein kritisches Plädoyer für sogfältigen Journalismus

Ungefähr 2.500 Jahre liegen zwischen den Berichten über zwei Ereignisse, die zu ihrer Zeit die jeweilige Öffentlichkeit bewegt haben. Es geht um den Peloponnesischen Krieg im fünften Jahrhundert vor Christus und den Anschlag im Olympia-Einkaufzentrum in München am 22. Juli 2016.

Thukydides, griechischer Flottenkommandeur im Peloponnesischen Krieg, Berichterstatter und Historiker beginnt seinen Bericht mit der Bemerkung:
»Was aber tatsächlich geschah in dem Krieg, erlaube ich mir nicht nach Auskünften des ersten Besten aufzuschreiben, auch nicht nach meinem Dafürhalten, sondern bin Selbsterlebtem und Nachrichten von anderen mit aller erreichbaren Genauigkeit bis ins Einzelne nachgegangen. Mühsam war diese Forschung, weil die Zeugen der einzelnen Ereignisse nicht das selbe über das selbe aussagten, sondern je nach Gunst oder Gedächtnis.« ( München 1991, S. 35).

Überlegungen zur Sorgfalt eines Berichterstatters, zu journalistischer Sorgfalt würde man die Äußerungen von Thukydides heute nennen. Als am 22. Juli 2016 ein junger Mann in einem Münchner Einkaufszentrum zehn Menschen tötete, basierte die Berichterstattung zunächst großenteils auf nicht überprüften Aussagen von Augenzeugen, auf den Informationen selbsternannter Journalisten im Internet und auf möglicherweise bewußt verbreiteten Falschmeldungen. Anonyme „Bürgerjournalisten“ meldeten über Soziale Medien, auch in der Münchner Innenstadt werde geschossen. Großeinsätze der Polizei waren die Folge von Gerüchten und Falschmeldungen. Eine Großstadt befand sich im Ausnahmezustand. Hilflos wirkende Fernsehreporter beriefen sich lange Zeit ebenfalls auf Gerüchte. Erst ein besonnener Polizeisprecher brachte Ordnung in das Informationschaos.

Der Anschlag von München ist nur ein Beispiel für die Probleme und Gefahren, denen sich die aktuelle Medienberichterstattung heute gegenüber sieht. In einer Zeit, in der jeder alles an alle verbreiten kann, muss es darum gehen, die journalistischen Grundsätze von Informationsauswahl, Recherche und Überprüfung nicht nur zu erhalten, sondern immer wieder einzufordern und vor allem, sie dem journalistischen Nachwuchs zu vermitteln. Nur so kann und muss sich der professionelle Nachrichtenjournalismus unterscheiden von den Informationen von Wichtigtuern, die weitgehend Meinungen und persönliche Befindlichkeiten verbreiten. Nur so kann letztlich der professionelle Journalismus überleben.

In einer Zeit, in der Gerüchte und Meinungen in Form von Fakten real-time publiziert werden können, hat sich die Frage der Korrektheit, der Überprüfbarkeit völlig neu zu stellen.

Ein Reporter am Ort eines Geschehens und ein Informationen auswählender Redakteur können selbstverständlich nicht ignorieren, was bereits öffentlich geworden ist – aus welchen Quellen und mit welchen Absichten auch immer. Sie müssen derartige Gerüchte zur Kenntnis nehmen – ihre Leser, Hörer und Zuschauer kennen sie nämlich im Zweifel bereits. Es geht aber darum, sie sorgfältig zu überprüfen. Zur sorgfältigen Nachrichtenauswahl kommt immer stärker die Nach-Recherche. Nachrichtengestaltung auf der Basis vorhandener, zuverlässiger Quellen, das heißt Nachrichtenagenturen und eigene Mitarbeiter  ist in einer Zeit, in der jeder alles verbreiten kann, nicht mehr ausreichend. Grundsätzlich können zusätzliche Informationsquellen natürlich auch Vorteile bieten. Ihre Überprüfung bedeutet aber zusätzlichen Aufwand, der angesichts der Sparzwänge in vielen Redaktionen kaum zu leisten ist. Der Gatekeeper wird zusätzlich zum Rechercheur, zum Rechercheur nicht nur bezüglich der Inhalte, sondern vor allem auch bezüglich der Validität der Quellen. Die Gefahr, dass die Medien manipuliert werden, ist daher groß. Hier kommt es auch auf die korrekte Bezeichnung von Internet-Quellen an, auf deutliche Hinweise auf deren Hintergründe und gegebenenfalls die Nicht-Überprüfbarkeit. Ein Beispiel: Nachrichten über den Syrien-Konflikt kommen seit langem von der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ mit Sitz in London. Dass diese Organisation für die Nachrichtenmedien eine Quelle sein kann, ist klar. Es muss aber stets der Hinweis erfolgen, dass deren Informationen nicht unabhängig überprüft werden können. Dieser wichtige Hinweis fehlt aber nicht selten in der Berichterstattung.

Verfolgt man kritisch die Verbreitung von persönlichen Erlebnissen, die allenfalls Augenzeugenberichte sind, von Meinungen und individuellen Befindlichkeiten und stellt fest, dass diese in die Medienberichte einfließen – ja für viele gar als ausreichende Information über das Tagesgeschehen betrachtet werden – dann kommt einem ein alter, von manchen möglicherweise als altmodisch und überholt betrachteter Begriff in den Sinn: „Journalistische Sorgfaltspflicht“.

Insbesondere die Medien in den angelsächsischen Ländern England, USA und Kanada arbeiten nach sogenannten „Accuracy-Checklist“. Diese Listen enthalten – eigentlich selbstverständliche – Regeln für sorgfältige journalistische Arbeit. Diese Regeln werden von seriösen Redaktionen insbesondere jetzt, in der Zeit der Flut nicht überprüfbarer Informationen wieder stärker herangezogen. Vor allem dem journalistischen Nachwuchs werden sie an die Hand gegeben. Bill Kovach und Tom Rosenstiel haben in der jüngsten Ausgabe ihres Standardwerks „The Elements of Journalism“ (2014, S. 131) eine aktuelle Checkliste zusammengestellt:

  • Is the lead of the story sufficiently supported?
  • Is the background material required to understand the story complete?
  • Are the stakeholders in the story identified, and have representatives from that side been contacted and given chance to talk?
  • Does the story pick sides or make subtle value judgements?
    Will some people like the story more than they should?
  • Have you attributed and / or documented all the information in your story to make sure it is correct?
  • Do those facts back up the premise of your story? Do you have multiple sources for controversial facts?
  • Did you double-check the quotes to make sure they are accurate and in context?

“Idealfälle, nicht erreichbar, nicht darstellbar” werden Kritiker sagen. Aber, „googeln“ reicht nicht, will der professionelle Journalismus überleben.

Besondere Aufmerksamkeit in dieser Liste verdient die Frage: „Will some people like this story more than they should?“ Eine klare Absage an den Gefälligkeits-Journalismus – ob bezahlt oder aus Überzeugung für eine Sache oder eine Person. Ob es um Themen aus der Wirtschaft oder der Politik geht – sehr oft (auch in öffentlich-rechtlichen Qualitätsmedien) werden Interessen bedient.

Ein Beispiel ist der Umgang mit der „Alternative für Deutschland“. In Interviews im öffentlich-rechtlichen Radioprogrammen werden Vertreter dieser Partei oft nicht kritisch befragt. Das wäre gutes journalistisches Handwerk – vermutlich mit wichtigen Informationsergebnissen, auf deren Basis sich Hörer ein eigenes Bild von dieser Partei machen können. Stattdessen werden die Politiker ständig unterbrochen. Ihnen werden dann alte Äußerungen anderer Vertreter der Partei vorgehalten – aus dem Zusammenhang gerissen. Die vermeintlich kritischen Journalisten wollen offenbar diese Gesprächspartner „vorführen“. Das mag ihren Freunden und Kollegen gefallen („Will some people like this story more than they should?“). Das breite Publikum hat im Zweifel eher Verständnis für einen unfair und unprofessionell behandelten Politiker. Ob den Interviewern wohl klar ist, wessen „Geschäft“ sie hier betreiben?

Wie bereits gesagt: Es geht um Sorgfalt bei der Recherche, ebenso wie bei der Nachrichtenselektion. Dass die Grundsätze für Reporter und Autoren gelten müssen ist klar. Eine solide Basis-Recherche, das heißt die Recherche zu einem neuen Thema, verfährt nach diesen Regeln. Immer wichtiger wird aber die Nach-Recherche, das heißt die Überprüfung von Nachrichten und ihren Quellen durch die Gatekeeper,  die auswählenden Redakteure. Sie befinden sich in der wachsenden Gefahr, unseriösen, ungenauen und interessengesteuerten Informationen aufzusitzen.

Zum Verifizieren von Informationen gehört im Journalismus – ebenso wie in der Wissenschaft – das Falsifizieren. Die Frage, ob dieser Grundsatz allen Berichterstattern und Gatekeepern bewußt ist, muss wohl ernsthaft gestellt werden. Internetquellen, insbesondere die Sozialen Medien, liefern so viele Informationen zu nahezu allen Themen, dass es leicht ist, für jede Hypothese oder jede Vermutung eine Bestätigung zu finden. Eine hochgefährliche Herangehensweise. Erst das Beachten der Gegenargumente, der Gegenbelege macht eine Geschichte solide und zuverlässig. Zugegebenermaßen fällt durch das Falsifizieren manches Thema in sich zusammen. Aber der Satz: „Ich werde mir doch meine Vorurteile nicht wegrecherchieren“ gilt allenfalls als Karikatur.

Natürlich müssen die Redaktionen der professionellen Medien heutzutage die Sozialen Medien ernst nehmen und sie verantwortungsvoll nutzen. Ihre Rolle als Quellen bei der Nachrichtenauswahl bedarf aber kritischer Überlegungen, zumal die Versuchung angesichts knapper Ressourcen in den Redaktionen groß ist, diesen problematischen Quellen zu viel Gewicht beizumessen. Eine wichtige Frage lautet, wer sich hinter diesen Veröffentlichungen verbirgt. Da sind zum einen die „Bürgerjournalisten“, Menschen mit Zeit und Interesse an Neuem und Interessantem. Ihre Berichte sind in der Regel Zufallsprodukte, die Beschreibung eigener Beobachtungen. Weder die Auswahl der Informationen noch die Darstellung sind professionell. Sie haben allenfalls die Qualität von Augenzeugenberichten. Punktuelle Beobachtungen ohne Hintergrundrecherche sowie persönliche Bewertungen sind die Basis. Eine andere Gruppe sind die von einem Geschehen Betroffenen, die ihre Eindrücke verbreiten. Hier von Objektivität zu sprechen, wäre sehr verwegen. Und: schließlich die zufälligen Augenzeugen, die ein Ereignis mitbekommen und nun ihre „Sternstunde“ erleben. Selbst wenn man den Bürgerjournalisten und den zufälligen Beobachtern die Qualität von Augenzeugen beimisst: Augenzeugen waren stets und bleiben problematische Quellen, denen ein erfahrener und verantwortungsbewußter Journalist mit allergrößter Vorsicht begegnet. Jeder Richter in Verkehrsstrafsachen weiß Erlebnisse mit Augenzeugen zu berichten, die an deren Wert immer wieder zweifeln lassen. Ähnliche Erlebnisse haben Journalisten, die nach einem Ereignis mit Augenzeugen sprechen. Zwei Probleme ergeben sich immer wieder. Einmal haben Augenzeuge von Journalistengespräch zu Journalistengespräch immer mehr gesehen. Sie leiten aus Fragen Antworten ab, die mit der Realität oft wenig zu tun haben. Schließlich muss natürlich ein solide arbeitender Journalist die vorhandene oder fehlende Sachkompetenz eines Augenzeugen berücksichtigen. Ob ein Zufallszeuge oder ein Luftfahrt-Experte als Augenzeuge eines Flugzeugunfalls gefragt werden, muss gewiss bei der Einordnung und Bewertung von Aussagen unterschiedlich eingeschätzt werden.

Die Vorkommnisse im Jahr 1977 im Zusammenhang mit der Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Schleyer sind Gegenstand vieler Diskussionen und Publikationen. Unmittelbar nach der Tat wurden am Tatort Augenzeugen live im Radio interviewt. Später stellte sich heraus, dass die vermeintlichen Augenzeugen Mittäter beziehungsweise Unterstützer waren, die versucht hatten, die Fahnder in die Irre zu führen.

Bürgerjournalisten und Augenzeugen ungeprüft als Informationsquellen zu benutzen, birgt stets auch die Gefahr, manipuliert und damit auch instrumentalisiert zu werden.

In diesen Zusammenhang gehört auch eine aktuelle Mode im Journalismus. »Ich bin ganz nah bei den Leuten. Ich spreche immer direkt mit den Bürgern.« ließ sich eine Reporterin einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt stolz vernehmen – mit dem Unterton, dass das Publikum so authentische Informationen bekomme. Auch hier das Phänomen der punktuellen, persönlich gefärbten und motivierten Detail-Berichterstattung, die natürlich kein wirkliches Bild von einer Situation liefern kann. Medien laufen Gefahr, statt Informationen immer mehr Unterhaltung zu liefern: Gegen gut gemachtes „Infotainment“ ist selbstverständlich nicht nur nichts einzuwenden. Es hat eine außerordentlich wichtige Funktion. Der Transport von Informationen mit Mitteln der Unterhaltung kann ein sinnvolles Instrument sein, Informationen auch an Adressaten zu vermitteln, die eher nicht offen für „spröde“ Nachrichten sind. Erinnert sei hier aber an die These, mit der Neil Postman Mitte der 1980-er Jahre Teile der Radio- und Fernsehwelt gegen sich aufbrachte. »Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.« (1985, S. 110).

Emotionen statt „Nachrichten mit Gebrauchswert“. Der angelsächsische Begriff „News you can use“ geht mehr und mehr verloren, wenn persönliche Erlebnisse Betroffener, Befindlichkeiten und Bewertungen Kriterien für das Bringen oder Nicht-Bringen werden. Oft wird berichtet, wie Menschen auf Nachrichten reagieren, welche Meinung sie dazu haben. Betrachtet man einmal über einen gewissen Zeitraum die Informationen, die über die Sozialen Medien verbreitet werden, fällt auf, dass eine sehr große Zahl Reaktion auf Nachrichten sind, die man – gegebenenfalls natürlich online – aus professionellen Medien erfahren hat.

Hier wird deutlich, wodurch nach wie vor – und möglicherweise immer stärker – die Agenda wirklich bestimmt wird. Es sind die großen Nachrichtenagenturen, die die Auswahl treffen und die Vorgaben machen. Die Nachrichtenagenturen sind nun einmal die wichtigsten Nachrichtenlieferanten. Lange Zeit habe Redakteure despektierlich von „Agenturgläubigkeit“ vieler Kollegen gesprochen. Was wäre wohl mit ihren Medien geschehen, hätte man auch nur für wenige Stunden die Agenturempfänger abgeschaltet? Die bewährten und meist mit hoher journalistischer Qualität arbeitenden Nachrichtengroßhändler, die Agenturen bestimmen – wie gesagt – weitegehend die Nachrichtenauswahl der Medien und damit auch derer, die über die Sozialen Medien weiter publizieren. Soweit deren Äußerungen über persönlich Erlebtes und ihre persönliche Befindlichkeit hinausgehen, sind es Reaktionen auf Nachrichten, Nachrichten, die meist von Agenturen stammen und über klassische Medien verbreitet wurden. Es ist keine allzu gewagte Prognose, den großen Nachrichtenagenturen gute Zukunftsperspektiven vorauszusagen, vorausgesetzt natürlich, sie stehen auch künftig für hohe journalistische Qualität. Diese basiert auf sorgfältiger Recherche, dem 2-Quellen-Prinzip und dem Grundsatz „nicht nur verifizieren, sondern stets auch falsifizieren.“

Eine andere Entwicklung als in der überregionalen Berichterstattung zeigt sich bei Lokal- und Regional-Nachrichten. Gewiss, den Bürgerjournalisten gibt es auch im lokalen Bereich. Aber hier stehen außer den persönlichen Beobachtungen und Erlebnissen kaum Nachrichtenquellen zur Verfügung, an deren Veröffentlichung man sich mit eigenen Kommentaren „anhängen“ kann. Lokale und regionale Medien arbeiten stärker als überregionale mit der Eigenrecherche und kaum mit Nachrichten, die ohnehin vorhanden sind.

Belegt wird dies durch eine Studie, die das Pew Research Center in Baltimore in den USA veranstaltet hat. Im Jahr 2010 untersuchte das Institut in dieser Stadt bei 53 Medien-Outlets die Lokalnachrichten. Zentrale Frage war, ob die Lokalberichte neue Informationen enthielten, oder nur bereits Bekanntes wiederholten. Das Ergebnis ist erstaunlich und bestätigt eigene Beobachtungen: vier Fünftel der Berichte brachten bereits Bekanntes. Und dann: 95% der Berichte mit wirklich Neuem erschienen in den traditionellen Medien Zeitungen, Lokalfernsehen und Lokalradio. Auf die Sozialen Medien entfielen gerade einmal 5%. (2010)

Es stellt sich auch die Frage nach der Nachrichtenauswahl bei den sogenannten „Livetickern“. Stefan Niggemeier (2014) überschrieb einen Hintergrundbericht in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bezeichnenderweise: „Irgendwas ist immer“. »Der Liveticker ist zu einem allgegenwärtigen Online-Format geworden. Er suggeriert fortwährend, dass irgendwo etwas passiert, das unsere permanente Aufmerksamkeit verlangt.« Kritisch setzt er sich mit dieser Art der Nachrichtenauswahl und –verbreitung auseinander. Zum Thema Auswahl, Gewichtung und Aktualisierung heißt es: »Eine für kontinuierliche Updates maßgeschneiderte Software, „scribble live“ macht es einfach, Tweets und andere Inhalte einzubinden. Mit dem Programm können auch Reporter von außerhalb unkompliziert per Mobiltelefon neue Beobachtungen direkt auf die Seite senden. Aber wie das so ist: Eine Software, die es leicht macht, einen Text zu aktualisieren, macht es auch sehr schwer, ihn nicht zu aktualisieren. Und so wohnt den Nachrichtentickern die Tendenz inne, zu Nicht-Nachrichtentickern zu werden.« (Niggemeier aaO) Oft wird dann, dies lehrt die Erfahrung, lediglich mitgeteilt, dass es nichts mitzuteilen gibt. Aber auch dies halten bekanntlich manche für eine Nachricht. Niggemeier (aaO) kommt zu dem Schluß: »Es ist in mancher Hinsicht eine unjournalistische journalistische Form: sie sortiert und gewichtet nicht, sie sammelt nur und hält das, was sie findet, in chronologischer Reihenfolge fest.«

Auch hier ist natürlich die Gefahr der Manipulation gegeben. Inhalte werden etwa regelmäßig so umgestaltet, dass sie bei Suchmaschinen besonders gut „ankommen“. Neue Überschriften sollen beispielsweise den Eindruck vermitteln, es gäbe etwas Neues. Da Click-Zahlen für den Verkauf von Online-Werbung bekanntlich sehr relevant sind, ist Phantasie gefragt, diese zu erhöhen.

Die Nachrichtenselektion für reine Online-Medien und die Nutzung von Sozialen Medien durch die klassischen Nachrichtenredaktionen werfen zwei weitere Probleme auf. Da ist zum einen der sogenannte Echtzeit-Journalismus und dann das überstrapazierte Phänomen der „Breaking-News“.

Sowohl professionelle Journalisten als auch Amateure nutzen nicht selten die technische Möglichkeit, von laufenden Ereignissen (Sitzungen, Pressekonferenzen, Gerichtsverhandlungen bis hin zu Polizeieinsätzen) unmittelbar online zu berichten. Nun tun die klassischen elektronischen Medien, insbesondere das Radio dies seit ihrem Bestehen. Live-Berichterstattung gehört dort zum Alltag. Der wesentliche Unterschied und die Gefahr der geschilderten aktuellen Online-Berichterstattung bestehen jedoch darin, dass Nachrichten über Ereignisse verbreitet werden, bevor diese abgeschlossen sind oder zumindest einen Stand erreicht haben, der eine zuverlässige Berichterstattung wirklich erlaubt. Sonst entstehen Falschmeldungen und Widersprüche. Aber ist eine solche Nachricht erst einmal publiziert, ist sie kaum noch zu korrigieren.

„Breaking-News“ galt bis vor wenigen Jahren als etwas Besonderes. Ein Ereignis wurde von professionell arbeitenden Journalisten als so wichtig bewertet, dass man ein Radio- oder Fernseh-Programm unterbrach, weil man nicht bis zur nächsten Nachrichtensendung warten wollte. Dies waren schwerwiegende Entscheidungen, und die Verantwortlichen mussten für eine Programmunterbrechung gewichtige Gründe anführen. In den Online-Medien scheint es fast immer nur „Breaking-News“ zu geben – dabei ist der Begriff im Zusammenhang mit einer ohnehin möglichen ständigen Aktualisierung genaugenommen überflüssig.

Ein weiteres Problem des derzeitigen Journalismus wird durch die Flut der Online-Publikationen ebenfalls verstärkt: Die Neigung, ja oft sogar die Flucht zum Kommentar. Nachrichtenbeschaffung ist kostspielig und erfordert viel professionelle Erfahrung. Kommentierung ist vergleichsweise leicht. Deshalb werden allzu oft fehlende Informationen durch Meinungsäußerungen ersetzt – häufig vermeintlich geschickt, aber letztlich doch verräterisch kaschiert durch den Begriff „Einschätzung“. Der journalistische Grundsatz der Trennung von Nachrichten und Meinungen – im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sogar gesetzlich beziehungsweise staatsvertraglich vorgegeben – wird immer öfter nicht mehr beachtet. In den Sozialen Medien werden neben punktuellen Einzelbeobachtungen im Wesentlichen persönliche Meinungen und „Einschätzungen“ verbreitet.

Die Wiedergabe von Meinungen in Form von Zitaten ist natürlich „Nachricht“. Doch bei der Auswahl kommt es hier – dies ist ein eherner Grundsatz für Nachrichtenredakteure – auf zwei Kriterien an, auf Relevanz und Meinungsvielfalt. Boris Paal und Moritz Hennemann (2016) sehen hier Gefahren. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreiben die Autoren: »Eine offene Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt. Die ist jedoch durch digitale Plattformen bedroht, die herrschende Ansichten verstärken.« Besonders kritisch sehen die beiden Wissenschaftler die Struktur der Such- und Auswahl-Algorithmen, die sich nach ihrer Beobachtung vielfach vor allem an der von den Betreibern selbst definierten Relevanz orientiert. »Soweit sich die Relevanz regelmäßig an Mehrheitspräferenzen ausrichtet, bedeutet dies, eine sich selbst verstärkende Verzerrung zugunsten von beliebten Inhalten. Auf Wahlkämpfe übertragen folgt hieraus, dass ein entsprechender Algorithmus die zu Beginn des Wahlkampfes bestehende Mehrheitsmeinung begünstigt.« (Paal und Hennemann aaO) Kritisch betrachten Paal und Hennemann auch, dass digitale Nachrichtenplattformen das Nutzerverhalten auswerten. Nahliegend ist, dass dann, um Abrufzahlen zu erhöhen, Nachrichten nach dem Geschmack der Adressaten ausgewählt werden. Nachrichtenauswahl nach Verkaufbarkeit führt freilich nicht zu einer informierten Gesellschaft. Zur Informiertheit gehört bekanntlich die Kenntnis möglichst vieler Meinungen, und zwar relevanter Meinungen. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben professioneller Journalisten, dem Adressaten eine Vielfalt relevanter Positionen zu präsentieren. Allerorten wird gefordert, der Bürger solle in die Lage versetzt werden, sich selbst Urteile zu bilden. Richtig, und zwar auf der Basis von anderen Meinungen. „Relevante Meinungen“ heißt weder nur „offizielle“ Meinungen noch die Meinungen von Wichtigtuern oder Menschen mit negativen Absichten, die sich permanent über Soziale Medien äußern. Die Auswahl relevanter Positionen Suchmaschinen nach Nutzerverhalten zu überlassen, führt letztlich zur Manipulation von Meinungen.

Hinzu kommt, dass die Trennung von Public Relations, Werbung und Berichterstattung mit diesen Methoden gewiss auf Dauer nicht aufrecht zu erhalten – und vermutlich auch nicht gewollt ist.

Der österreichische Fernsehjournalist und Medienwissenschaftler Armin Wolf ging in einer Vorlesung an der Wiener Universität (Wien 2013) auf das bereits erwähnte Phänomen ein, dass in den Sozialen Medien meist Informationen weitergegeben und allenfalls kommentiert werden, die diese über die traditionellen Medien erfahren haben. Dies gilt – so Wolf – auch für Enthüllungen beispielsweise durch Wikileaks und dergleichen, die zwar ins Netz gestellt, aber an ein breites Publikum durch die traditionellen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen verbreitet werden. Man überlässt also die Auswahl und Gewichtung des für das Publikum Wichtigen den professionellen Journalisten. Wolf zitiert den früheren General-Intendanten des Österreichischen Rundfunks (ORF), Gerd Bacher mit dem Satz: »Journalismus ist Unterscheidung – die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr, wichtig und unwichtig, Sinn und Unsinn.« (Wien 2013, S. 64) Damit ist die Frage, die der Titel von Wolfs Publikation anlässlich der Vorlesung stellt „Wozu brauchen wir noch Journalisten?“ eigentlich beantwortet. Wolf argumentiert unter Berücksichtigung der Überflutung durch Nachrichten aus dem Internet: »Das heutige Bild eines Journalisten ist deshalb nicht mehr das eines Gatekeepers, glaube ich, sondern das des Kurators. Derjenige, dem Sie zutrauen, dass er für Sie auswählt, welchen Informationen Sie Ihre begrenzte Zeit und Aufmerksamkeit widmen sollen. Das ist keine Machtposition mehr, sondern eine Dienstleistung. Eine wertvolle Dienstleistung allerdings. Diese Auswahl ständig selbst zu treffen, wäre heute zwar grundsätzlich möglich – aber letztlich ist es ineffizient.« (2013, S. 78) Er fährt dann fort: »Sie brauchen jemanden, der Ihnen empfiehlt, was Sie sich ansehen sollen. Sie können das über Ihren Facebook-Newsfeed erledigen und nur das lesen, was Ihnen Ihre Facebook-Freunde schicken. Ich bin nicht ganz sicher, ob Sie dadurch ein besonders umfassendes Bild vom Weltgeschehen bekommen.« (2013, S. 78)

Professionelle Auswahl, Gewichtung und Gestaltung von Nachrichten sind es, die dem Bürger die Möglichkeit eröffnen, sich ein Bild vom Tagesgeschehen zu machen. Punktuelle, oft interessengesteuerte Informationen vermögen das nicht. Schon allein die Flut der Informationen, die ungeordnet über die reinen Internetnutzer hereinbricht, überfordert diese. Arthur O. Sulzberger, der langjährige Herausgeber der New York Times formuliert: »There is no shortage of news in the world. If you want news, you can go to cyberspace and grab out all this junk. But I don’t think most people are competent to become editors, or have the time or the interest.« (2012)
(Es gibt keinen Mangel an Nachrichten auf dieser Welt. Wenn man Nachrichten will, begibt man sich in den Cyberspace und greift sich all das Zeug. Ich glaube aber nicht, dass die meisten Leute kompetent sind, Redakteure zu werden oder die Zeit oder das Interesse dafür haben.)

Das Plädoyer für professionellen Journalismus bedeutet auch, dass eine gründliche Journalisten-Ausbildung von allergrößter Wichtigkeit ist. Dem journalistischen Nachwuchs muss vermittelt werden, welche Rolle Nachrichtenauswahl und Nachrichtengewichtung spielen. Die von Armin Wolf zu Recht geforderte Kuratoren-Rolle kann man verantwortlich nur ausfüllen, wenn man mehr erfahren hat als die Anwendung und Wirkung moderner Techniken des möglichst schnellen Informationsumschlags.

Ob durch die zusätzlichen Informationskanäle eine insgesamt größere Informiertheit der Gesellschaft erreicht wird, ist zumindest zweifelhaft. Die nordamerikanische Kommunikationswissenschaft spricht von einer Spaltung der Gesellschaft in „Information-Rich“ und „Information-Poor“. Erstere könne sich aufgrund materieller und intellektueller Möglichkeiten alle gewünschten Informationen beschaffen. Letztere begnügen sich mit „Häppchen-Informationen“ aus Boulevard-Medien und dem Internet.

Thomas Meyer (Berlin 2015, S. 179) weist deutlich darauf hin, dass durch die Tatsache, dass Viele sich auf die Informationen über Soziale Netzwerke beschränken, die Spaltung der Gesellschaft in gut Informierte und weniger Informierte gefördert wird. »Hierzulande sind zwei Drittel der Internetnutzer lediglich an Unterhaltung interessiert und nur ein reichliches Viertel an politischen Informationen. Und selbst von diesen sind die allerwenigsten aktive Kommunikatoren, der Großteil rezipiert passiv die Kommunikation der anderen – und die ist überwiegend flach und chaotisch. … So verschärft sich die aus der Offline-Welt vertraute Asymmetrie: die gut Informierten sind nun noch besser informiert, der Rest gerät immer weiter ins Hintertreffen.«

Den traditionellen Qualitätsmedien kommen angesichts der Überflutung der Gesellschaft mit nicht-professionell ausgewählten, gewichteten und gestalteten Informationen nach wie vor und sogar immer stärker fundamental wichtige Aufgaben zu. Zunächst liefern sie die Informationsbasis, ohne die die Sozialen Medien recht inhaltslos blieben. Durch ihre publizistische Qualität geben sie ihren Adressaten ein immer wichtiger werdendes Instrument an die Hand. Dieses Werkzeug beschreibt Arthur O. Sulzberger mit den Worten: »You are not buying news when you buy the New York Times. You are buying judgement.« (Sulzberger aaO) (Sie kaufen, wenn sie die New York Times kaufen, keine Nachrichten. Sie kaufen Urteilskraft.)

Bei aller Kritik und angesichts zahlreicher Probleme darf natürlich eines nicht übersehen und nicht unterschätzt werden: Die neuen Informationskanäle bieten dem professionellen Journalisten viele zusätzliche Chancen, seine Nachrichtengebung zu bereichern. Vor allem aber werden neue Wege zur Recherche eröffnet. Zu fordern sind aber hier ausgeprägte Skepsis, kritische Distanz – vor allem aber die Bereitschaft, Information und Quellen sorgfältig und kritisch zu überprüfen. Dies ist teuer, mühsam und unbequem.

Zum Schluß nochmal die Rückblende in das fünfte Jahrhundert vor Christi Geburt: „Thukydides, Flottenkommandant und Berichterstatter über den Peloponnesischen Krieg zu einem Thema auch und gerade unserer Zeit: »Leichtsinnig sind die meisten bei der Erforschung der Wahrheit und geben sich mit den ersten besten Nachrichten zufrieden.« (aaO).

Quellenverzeichnis:

  • Habermann, Clyde
    „Arthur O. Sulzberger died“
    New York Times 29. September 2012
  • Kovach, Bill und Rosenstiel, Tom
    „The Elements of Journalism“
    New York 2014 (Three Rivers Press)
  • Meyer, Thomas
    „Die Unbelangbaren“
    Berlin 2015 (Suhrkamp)
  • Niggemeier, Stefan
    “Irgendwas ist immer”
    Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 23. März 2014
  • Paal, Boris und Hennemann, Moritz
    „Gefahr für die Vielfalt?“
    Frankfurter Allgemeine Zeitung 25. Mai 2016
  • Pew Research Center
    „How News Happens“ Studie
    Baltimore 2010
  • Thukydides „Geschichte des Peleponnesischen Krieges“
    zitiert nach der Übersetzung von Georg Peter Landmann
    München 1991 (dtv)
  • Wolf, Armin
    “Wozu brauchen wir noch Journalisten ?”
    Wien 2013 (Picus)

 

Empfohlene weiterführende Literatur:

  • Fuller, Jack
    “What is happening to News ?”
    Chicago 2010 (University of Chicago Press)
  • Arnold, Bernd-Peter
    “Nachrichten – Schlüssel zu aller Information “
    Baden-Baden 2016 (Nomos)

Dieser Aufsatz ist erschienen in „Journalismus zwischen Autonomie und Nutzwert“
(Köln, von Halem Verlag, 2017), Hrsg. Karl Nikolaus Renner, Tanjev Schultz und Jürgen Wilke
„Nachrichtenselektion im Zeitalter des Internets“, Seite 213 ff.